Verdacht

 

 

 

 

 

  • ERSTER TEIL

 

Es weinen nicht die Lindenblüten um die Seele dieses Menschen.

 

(Aus einer lettischen Daina)

 

 

 

 

»Polizeinotruf«, meldete sich Inspektor Katolnigg, »Grüß Gott.«

»Hier ist Kaplan Birkner. Ein Maskierter bedroht unseren Direktor.« Es klang, als presste der Anrufer jedes Wort einzeln durch die Leitung.

»Wo sind Sie gerade?«, fragte der Polizist.

»Im zweiten Stock beim Fenster zum Lindenhof.«

»Welche Adresse?«

»Im Bischöflichen Gymnasium!«

»Was passiert da?« Inspektor Katolnigg gab die Anschrift der Schule ein und alarmierte per Knopfdruck die ersten Streifen.

»Ja, da … da werden … da werden Geiseln genommen.«

»Wie viele Geiseln?«

»Soll ich die zählen?«, fragte der Anrufer.

»Ungefähr«, bat Katolnigg um eine Schätzung.

»Es dürften in etwa … in etwa zwanzig sein.«

»Wie viele Täter?«

»Einer. Er trägt einen schwarzen Umhang. Mit seiner Maske sieht er aus wie Zorro.«

»Bewaffnet?«

»Bis auf die Zähne! Er hat schon in die Luft und auf den Altar geschossen. Der ist extrem aggressiv.«

Auf dem Schaltpult betätigte Katolnigg den Knopf für die Rettung. »Gibt es Verletzte?«

»Noch nicht, aber bald, wenn Sie nicht gleich kommen!«

»Ganz ruhig, Herr Birkner. Die Streife ist unterwegs zu Ihnen. Wissen Sie, wo genau sich der Täter mit den Geiseln verschanzt hat?« Der Daumen wanderte zu einem gelb umrahmten Knopf mit der Überschrift EKO COBRA. Mit einem Fingerdruck löste Katolnigg den Einsatzalarm für die Spezialeinheit aus.

»Ja, der Täter ist im Lindenhof und zwingt den Direktor, vor dem Altar zu knien.« Der Anrufer verfiel in einen Flüsterton. »Ich habe das Fenster einen Spalt weit geöffnet und mein Handy auf das Fensterbrett gelegt. Vielleicht hilft es euch.«

»Willkommen in der Gemeinschaft!«, hörte Katolnigg die kreischende Stimme des Täters. »Na, Todesernst, wie viele stehen auf eurer Abschussliste? Unsere Schülerzeitung, den Freireflex, habt ihr abgedreht! Ihr Schweinepriester habt mein Leben zerstört. Nun greift ihr überall nach der Macht. Nicht nur im Bischgym! Jetzt ist aber Schluss damit!«

Es knallte.

»Oh, mein Gott«, stammelte der Anrufer. »Er hat gerade den Direktor erschossen.«

»Spart euch die blöden Plakate mit dem ›Warum?‹«, krächzte die Stimme des Mörders.

Es krachte erneut.

Dann wieder.

Panisches Gebrüll.

Katolnigg tippte. Auf dem Bildschirm tauchte in dem Feld, das den Vorfall beschrieb, ein Wort auf.

Amok.

Ein Maunzen zog Sabrina Mara aus der Traumwelt. Die Katze setzte die Massage auf Sabrinas Brust fort.

»Ginger, ich hab doch heute frei«, sagte Sabrina verschlafen zu dem rot getigerten Kater und drehte sich um. Zugleich wurde ihr klar, dass der Versuch, sich die gemütliche Wärme des Schlafes zu erhalten, sinnlos war. Das Tier stupste schnurrend die Schnauze gegen ihre Nase. Dann spürte sie den sanften Stoß der Tatze an der Wange.

»Axel.« Sabrina tastete nach ihrem Freund. Ihre Finger gruben sich in das leere Laken. Beim nächsten Gedanken verschwand der Schreck. Ihr Schatz hatte Bereitschaftsdienst im Stützpunkt der Spezialeinheit Cobra.

Der Stubentiger setzte sich auf ihre Brust, schaute seinem Frauchen in die Augen und zwinkerte. Sie ließ die Hand über den Rücken des Tieres gleiten.

»Gleich gibt es Frühstück, Ginger.« Sabrina richtete sich auf. Sofort sprang die Mieze vom Bett herunter.

Sabrinas Weg führte sie zum Kühlschrank, aus dem sie eine Dose Nassfutter und ein Fläschchen Whiskas-Katzenmilch herausholte.

»Miau.« Die schneeweiße Tonic eilte mit hochgestrecktem Schwanz zu ihrem Bruder in die Küche und schmiegte sich an Sabrinas Beine. Ein Schnurren begleitete das Absetzen des Futters.

Wie würden die Katzen reagieren, wenn sie ein Kind von Axel bekäme? Würde es von ihr die schokobraune Haut erben, die ihr Schatz an ihr so wunderschön fand? Bei dem Gedanken an Nachwuchs huschte ein Lächeln über ihre Lippen.

Handyklingeln störte Sabrinas Ausflug in die Zukunft. Sie eilte ins Schlafzimmer und nahm das Gespräch an.

»Mara, aus dem freien Tag wird heute leider nichts.« Es war Kurt Hutnagl, ihr Vorgesetzter in der Gruppe Leib und Leben im Landeskriminalamt Steiermark.

»Warum?« Sabrina Mara setzte sich auf den Bettrand.

»Verbrecher halten sich leider nicht an unseren Dienstplan.« So angespannt hatte sie ihren Chef selten erlebt. »Und schon gar keine Amokläufer. Ich brauche Sie, und zwar sofort.«

»Wo?« Sie kramte in der Schublade des Nachtschränkchens nach Notizbuch und Kugelschreiber.

»Im Bischöflichen Gymnasium! Die Cobra klärt es ab. Mara, wo sind Sie gerade?«

»Zu Hause.«

»Dann wird’s Zeit, dass Sie sich auf den Weg machen. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten am Hasnerplatz vor der Pädagogischen Hochschule. Ich warte im Einsatzleitwagen auf Sie.«

Ein Klicken signalisierte, dass Hutnagl das Telefonat beendet hatte.

Ihre Halsschlagader pochte. Musste Axel auf ein bewaffnetes Kind schießen, um andere zu retten? Natürlich gehörte auch das zum Job der Spezialkräfte, aber so etwas wünschte sie niemandem. Schon gar nicht ihrem Freund.

Sabrina seufzte und erhob sich. Nach einer Katzenwäsche schälte sie sich aus dem Pyjama und schnappte sich eine frische Hose und eine weiße Leinenbluse aus dem Kleiderschrank. Vor dem Schrankspiegel justierte sie mit einer Rundbürste die gestern gelegte Wasserwelle nach und verteilte etwas Haargel auf die schwarzen Haare. Auf das Rouge noir auf den Lippen und Mascara auf den Wimpern musste sie verzichten. Ebenso ließ sie das Parfüm links liegen, stattdessen griff sie zum Deo und gönnte sich zur Erfrischung ein paar Spritzer.

Im Flur schlüpfte Sabrina in die Ledermokassins. Sie schnappte sich die Handtasche, verstaute Notizbuch, Kuli und Smartphone darin. Dann machte sie sich auf den Weg.

Amoklage im Bischöflichen Gymnasium

Sabrinas Puls beschleunigte sich etwas, während sie vom Gaspedal stieg. Durch die Windschutzscheibe sah sie eine Menschentraube an der Haltestelle der Linien vier und fünf. Dass sie vor der Pädagogischen Hochschule nicht auf die nächste Straßenbahn warteten, erriet sie auf den ersten Blick. Manche hielten ihre Handys an die Ohren. Andere versuchten mit wilden Gesten, die Polizisten davon zu überzeugen, sie wenigstens auf den Hasnerplatz zu lassen.

Sabrina ließ die Fensterscheibe runter, nahm die Kokarde in die Finger und glitt auf die Kollegen zu. Diese nickten und wiesen sie mit der Kelle an, nach links abzubiegen. Wenig später fuhr sie an mehreren Blaulichtwagen vorbei und parkte ihren Golf hinter einem Rettungswagen.

Sie stieg aus, eilte zum Befehlskraftwagen und klopfte an die Tür.

Die Schiebetür des VW-Busses öffnete sich quietschend. Der Geruch von Aftershave drang in ihre Nase. Das Logo von Raumschiff Enterprise auf dem roten T-Shirt fiel ihr sofort auf. Dass der Kriminaltechniker die Star-Trek-Welt seiner Jugendjahre nie verlassen hatte, überstieg ihr Verständnis. Wie konnte ein Dreißigjähriger, dem die blonden Haare ausdünnten, noch immer meinen, ständig Scotty spielen zu müssen? »Willkommen an Bord, Lieutenant Uhura«, grüßte er. Fehlte nur noch, dass Christof Istel salutierend die Hand an die hohe Stirn hob.

Im Gegensatz dazu spiegelte sich in Hutnagl die Gefahr, welche die Lehrer und Schüler des Bischöflichen Gymnasiums bedrohte. Die hellblauen Augen strahlten nicht die übliche Zuversicht aus. Im Gegenteil verstärkten das grau melierte Kopfhaar und der schwarze Schnauzer den besorgten Blick. Wie gewohnt trug Hutnagl das weiße Seidenhemd, doch die blaue Krawatte samt Nadel mit der emaillierten Muschel fehlte.

»Willst du dich zum Chief Petty Officer setzen?« Istel zeigte auf einen knapp Sechzigjährigen in Uniform. Die Rangabzeichen wiesen ihn als Chefinspektor aus.

Sabrina nickte und ließ sich auf dem freien Sitz bei der weißen Tafel nieder, während Istel neben ihrem Chef Platz nahm.

Hutnagl deutete mit seinem kantigen Kinn auf den Chefinspektor. »Teuschl, wie sieht es mit der Abriegelung aus?«

»Weiträumig abgesperrt. Für den gibt’s kein Entkommen, falls der noch drin ist.«

»Gut.« Hutnagl presste seine schmalen Lippen zusammen, sodass sie sich zu einem Strich verkleinerten.

»Haben wir schon einen Platz für die Pressefritzen?«, warf Sabrina ein.

»Die Kreuzgasse«, antwortete der Chefinspektor. »Die kriegen einen Blick auf die Schule, und wir haben sie dort immer gut im Griff.«

»Wenigstens etwas.« Hutnagl seufzte. Er zog eine Dose Kautabak aus der Sakkotasche und umklammerte sie. »Ganz ehrlich, das schaut nach einer Amoklage aus. Wir wissen, dass der Täter im Lindenhof den Direktor erschossen hat. Dann ist er in das Schulgebäude zurück. Kurz darauf dürfte er eine Granate gezündet haben. Deshalb habe ich gleich die Cobra hineingeschickt. Und die haben auf der Toilette neben dem Haupteingang eine Sporttasche voll Munition und eine Bombe gefunden. Das Bombenkommando kümmert sich gerade darum. Und was können wir jetzt tun?« Hutnagl legte die Dose Kautabak auf den Tisch und öffnete sie. »Beten und Tabak kauen.«

Sabrina warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Ein Amoklauf in einer katholischen Schule war das Allerletzte, was sie sich wünschte. Wie viele Mütter könnten bald ihre Kinder glücklich in die Arme schließen? Wie oft würde die schreckliche Aufgabe auf sie zukommen, gegenüber den Eltern das Unaussprechliche in Worte kleiden zu müssen? Wie viele Väter würden heulend zusammenbrechen und sich dafür schämen? Niemand konnte das jetzt sagen. Auf ihrer s’Olivier-ArmbanduUhr zog der Sekundenzeiger still seine Bahn.

Hutnagl nahm ein Stückchen Kautabak aus der Dose und legte es sich in den Mund. »Herr Istel«, wandte er sich schließlich an den Kriminaltechniker, »haben wir den Notruf von der Leitstelle schon erhalten?«

»Aye, Captain.«

»Können Sie ihn abspielen?«, fragte Hutnagl.

»Aye, Captain.« Istel öffnete das Notebook. Seine Finger flogen über die Tastatur. Wenig später ertönte aus dem Laptop das Telefonat, das zu dem Einsatz geführt hatte.

»Wir sind uns alle einig«, führte Hutnagl nach dem Soundfile aus, »dass Kaplan Birkner ein Spitzenzeuge ist. Ich will ihn als Erstes befragen.«

»… wenn er es überlebt hat«, murmelte der Chefinspektor.

»Wollen wir’s hoffen.« Sabrina seufzte. Solange sich die Cobra nicht meldete, konnte sie nur raten, wie viele Opfer der Amoklauf gefordert hatte. Falls es ganz blöd lief, dann würde ihr geliebter Axel das Bischöfliche Gymnasium als Leiche verlassen. Ihre Finger klammerten sich an die Tischplatte.

Hutnagl fuhr sich mit der Hand über die Haare, als wollte er sie frisieren. »Wie auch immer. Der Hasnerplatz wird unser Sammelplatz. Für die Befragungen brauchen wir einen geeigneten Raum.«

»Da fällt mir der Sozialraum drüben in der PH ein.« Mit vibrierenden Fingern deutete Sabrina zur Pädagogischen Hochschule. Sie grübelte. »Wenn wir Herrn Birkner vernehmen, wäre das Soundfile vielleicht hilfreich für uns.«

»Captain. Lieutenant Uhura. Ich überspiele es euch.«

Sabrina legte das Handy auf den Tisch, und Hutnagl tat es ihr gleich. Der Techniker stellte die Verbindung zu den Geräten her und startete die Übertragung. Dabei sprang ihr Istels Daumennagel ins Auge, der einen halben Zentimeter über die Fingerkuppe ragte. Vergeblich hatte sie sich bemüht, es ihm auszureden, denn Istel hielt es für sein Markenzeichen. Nach zwei Minuten war der Transfer fertig.

»Dachstein eins von Cobra eins, Kommen«, krähte es aus den Lautsprechern.

Hutnagl nahm das Funkgerät in die Hand. »Dachstein eins hört.«

»Durchsuchung abgeschlossen und Objekt gesichert. Ein Toter, keine Verletzten, kein Tatverdächtiger. Kommen.«

Sabrina ballte die Faust und löste sie sofort wieder. Allein Axel über Funk zu hören, kam einer Frohbotschaft gleich, die ihresgleichen suchte. Was für eine Leistung der Cobra, dass es nur beim Mordopfer im Lindenhof blieb. Wow. Sie verdiente einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, wenn man den Täter gefasst hätte.

»Evakuierung einleiten«, befahl Hutnagl. »Falls ihr auf einen Kaplan Birkner stoßt, meldet es mir.«

»Verstanden«, bestätigte Axel Kleingott.

Hutnagl legte das Funkgerät auf dem Tisch ab. »Wir haben ein Wunder erlebt. Der Allmächtige hat seine Schutzengel ausgeschickt und das Bischöfliche vor einem Blutbad bewahrt.«

»Aber den Täter hat er uns nicht geliefert«, konterte Sabrina.

»Der ist einfach rechtzeitig weg«, warf Chefinspektor Teuschl ein. »Das erklärt, wieso niemand verletzt worden ist und die Cobra auch keine Verdächtigen gefunden hat.«

»Oder er hat sich unter die Opfer gemischt, als er uns bemerkt hat«, mutmaßte Sabrina.

Hutnagl nickte. »Macht alles Sinn.« Er wandte sich an Istel. »Für die Untersuchungsstraße benutzen wir in der PH die Turnhalle. Schließen Sie …«

»Captain«, unterbrach ihn Istel, »auf den Sportdecks riecht es immer so nach Schweiß. Mir gefiele die Messe neben der Kombüse besser. Ich möchte bald mal was essen.«

Sabrina grinste. Kein Wunder, dass der Kriminaltechniker über so eine Körperfülle verfügte, wenn er dauernd nur ans Futtern dachte.

»Herr Istel, ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, dass die Untersuchungsstraße Platz braucht. Und wo haben wir den?«

»Ja, dann werden wir doch auf dem Sportdeck die Lehrer und Schüler nach Schmauchspuren von terranischen Waffen abscannen.«

»Istel«, fuhr Hutnagl den Kriminaltechniker an. »Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass wir hier nicht im Kindergarten sind? Bitte lassen Sie den blöden Captain bleiben, und machen Sie Ihren Job! Und geben Sie mir Meldung, wenn der Test bei irgendwem anschlägt. Haben wir uns jetzt verstanden?«

Istel starrte ins Leere wie ein nass gespritzter Kater. Dann nickte er.

»Und Sie, Frau Mara«, wandte sich Hutnagl an Sabrina, »kümmern sich um den Sozialraum.«

Das war knapp gewesen, so richtig knapp.

Er hatte es gerade noch nach draußen geschafft, als es geknallt hatte. Die mächtige Eichentür am alten Haupteingang hatte zwar gezittert, jedoch hatte sie der Druckwelle standgehalten. Kein einziger Splitter war auf die Grabenstraße geflogen. Niemand hatte die Explosion bemerkt. Die Autos waren so wie an jedem Tag gefahren.

Trotzdem hatte er weggemusst.

So schnell wie möglich.

Martinshörner. Bald hätte es von Bullen gewimmelt. Gleich wären sie in der Kreuzgasse aufgetaucht. Wenn er sich nicht aus dem Staub gemacht hätte, wäre er ihnen aufgefallen.

Die Polizeisirenen waren näher gekommen.

Er war höchste Zeit gewesen.

Losgestürmt war er über den Zebrastreifen.

Da hatte er seinem Instinkt vertraut.

Rechts hatte sich ihm ein Schlupfloch geboten. Er hatte nur den Fuß auf das Grundstück des Nachbargymnasiums in der Kirchengasse gesetzt, um aus der Gefahrenzone zu entkommen. Er war über den Parkplatz jener Schule auf die andere Seite gehuscht. Dort war er am Eingangstor stehen geblieben und hatte auf die Bergmanngasse gespäht.

Rasende Streifenwagen.

Blaulicht.

Martinshörner.

Ein schwarzes Ungetüm, eine Mischung aus Auto, Laster und Rammbock, war an ihm vorbeigeprescht. Aus dem Dach hatten zwei Köpfe mit Sturmhaube und Einsatzhelm hervorgeragt.

Cobra, übernehmen Sie.

Bei dem Gedanken hatte er grinsen müssen.

Sie hatten ihn keines Blickes gewürdigt.

Er hatte es geschafft. Es war alles nach Plan verlaufen.

Er hatte die Verkehrsader überquert, war einige Straßenzüge entlang weitergewieselt, bis das Jugendstilhaus am Ende der Grillparzerstraße aufgetaucht war. Das Eingangsgatter im Maschendrahtzaun hatte sich noch nie so leicht öffnen lassen wie diesmal. Es hatte nicht einmal gequietscht. Ein Zeichen, dass er den Sand im Getriebe seines Lebens beseitigt hatte.

Beschwingt hatte er die Haustür aufgesperrt, war in das Hochparterre geeilt und von dort aus über die Wendeltreppe in den zweiten Stock hochgerannt. Endlich hatte er die Tür hinter sich versperren können. Fürs Erste war er in sicheren Gefilden angekommen.

Im Flur seiner Wohnung sah er im Spiegel die Schweißperlen in seinem Gesicht. Die Haare fielen ihm chaotisch in die Stirn. Der Schweiß hatte dunkle Flecken auf dem T-Shirt hinterlassen. Auch die Hose hatte die Mission nicht unbeschadet überstanden. Aber das war jetzt egal.

Er schaltete den Radiowecker auf der Kommode ein. Antenne Steiermark spielte ein Lied. Vielleicht brachten Sie nach dem Song seine Heldentat zur Sprache.

Neben dem Radio ruhte eine Schachtel Parisienne, in der sich nur noch eine einzige Fluppe befand. Sie lag verkehrt herum in der Packung.

Die Glückszigarette.

Er holte sie hervor und ließ sich auf dem antiken Polstersessel, dem Kanadier, fallen.

»Wir spielen für Sie die aktuellen Hits. Nun kommt der neueste Superhit von Lady Gaga.«

Die kräftige Stimme der Sängerin trällerte über den Äther.

Hatte die Polizei ein Nachrichtenverbot verhängt? Wäre ja typisch, wenn sie ihn totschwiegen. Eine Nachrichtensperre hielt ihn nicht auf. Dafür sorgten allein Facebook, Twitter und die Videoportale. Sobald er die folgende Aktion startete, musste man darüber reden. Spätestens dann kehrte ihn niemand mehr unter den Teppich.

Ein Griff nach dem Feuerzeug erweckte einen Augenblick später die Flamme zum Leben. Kurz darauf glühte der Tabak auf. Wie schön, sich nach der erfolgreichen Mission zu entspannen. Die Zigarette half, das Lied abzuwarten.

Die letzten Takte verstummten.

Es durfte nicht wahr sein.

Ohne Kommentar spielten sie noch einen Song.

Sie versuchten, ihn zu ignorieren. Lächerlich. Eine SMS an den Medienmann reichte aus, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Doch galt es nun, den restlichen Glimmstängel zu genießen.

»Hier ist Antenne Steiermark mit einer Sondermeldung: Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Die Cobra ist in die Schule eingedrungen und sucht den Täter. Wie viele Opfer die Tat gefordert hat, können wir noch nicht sagen. Wir werden Sie informieren, sobald es Neuigkeiten gibt. Bleiben Sie dran.«

Nichtssagend.

Dennoch konnte er einiges damit anfangen. Sie hatten soeben bestätigt, dass ihm Zeit blieb. Während die Cobra im Bischgym herumirrte, bereitete er sich in der Wohnung in aller Ruhe auf Phase zwei vor. Er dämpfte die Zigarette aus, erhob sich aus dem Armsessel, entledigte sich der Bermuda und befreite sich von dem schweißgetränkten T-Shirt. Wie schön, ein letztes Mal den Teppichboden unter den nackten Füßen zu spüren. Wie herrlich, barfuß für eine Dusche ins Badezimmer zu schreiten.

Erstmals stand in der Kabine ein Held, der notfalls zum Sterben bereit war. Das Wasser prasselte auf seinen Körper, es massierte seine Schultern und floss die Arme hinab. Über die Finger lief es, ehe es sich an den Fingerkuppen sammelte und in die Duschtasse abtropfte.

Ich wasche meine Hände in Unschuld.

Das Warmwasser verlor an Kraft. Er drehte den Armaturenhebel nach rechts und genoss den wärmeren Strahl.

Noch verstand niemand, dass er in Wahrheit dem Bischgym gedient und es von Todesernst erlöst hatte.

Nach dem überraschenden Ableben des Vorgängers hatten sich Lehrer, Eltern und Schüler in einem Brief an den Bischof für den beliebten Chemieprofessor eingesetzt. War auch logisch, denn der hatte an die Talente in allen Jugendlichen geglaubt und sie motiviert. Todesernst hingegen hatte sogar nach dem Abitur den Vätern seiner »Lieblinge« gesteckt, dass sie zu blöd für ein Studium seien.

Todesernst hatte die Strippen in der Kirche gezogen, um sich selbst zum Direktor zu küren. Angeblich hatte der Chemiker auf den Posten verzichtet, um Administrator zu werden. Dabei wusste doch jeder, dass dieser Schritt genauso freiwillig wie die Teilnahme des Klosterschülers an der Klassenmesse gewesen war.

Keine Frage, er duschte sich in Unschuld.

Sanft trug er das Shampoo auf seine Haarpracht auf. Er schloss die Augen und wusch sich die Haare. Das Kraulen der Finger auf der Kopfhaut fühlte sich herrlich an. Das Wasserrauschen wirkte wunderbar entspannend. Frische verdrängte das abgekämpfte Gefühl. Er lauschte dem Prasseln der Tropfen in der Duschtasse.

Später öffnete er den Mund und ließ es in den Rachen regnen. Es füllte die Wangen aus. Dann schluckte er und nahm bewusst wahr, wie das Nass seinen Weg in den Magen fand. Es erquickte ihn.

Wasser des Lebens.

Bis gestern hatten alle unter Todesernst gelitten. Der Tyrann hatte das volle Programm gefahren, um so manchem den Alltag zu vermiesen. Aber heute war der Tag der Abrechnung gekommen.

Wasser des Todes.

Als Einziger in der Stadt besaß er es. Wenn er es über Graz regnen ließ, konnte er Tausenden ein qualvolles Ende bereiten.

Noch wusste das keine Seele.

Tabun hieß die letzte Option.

Der Feldzug hatte erst begonnen.

Paukenschläge, Trompeten und Trommeln aus dem Radio rissen ihn aus seinen Gedanken. Er drückte auf den Armaturenhebel, stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Aus dem Badezimmer eilte er ins Wohnzimmer.

Dramatische Hintergrundmusik begleitete die Worte der Sprecherin. »Antenne Steiermark hat das Programm geändert und informiert Sie laufend und aktuell über den Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Unser Reporter Norbert Fink ist für uns live vor Ort. Hallo Norbert?«

»Hallo Michaela«, erwiderte Fink die Begrüßung.

»Es soll im Bischöflichen einen Amoklauf gegeben haben. Weißt du inzwischen mehr darüber?«

»Nun. Eine schwarz vermummte Person ist heute früh in das Bischöfliche Gymnasium eingedrungen. Der Täter hat im sogenannten Lindenhof das Feuer eröffnet und dürfte den Direktor erschossen haben. Ob es weitere Tote oder Verletzte gibt, kann man noch nicht sagen. Gerüchten zufolge hat der Täter auch eine Handgranate gezündet. Die Cobra ist bereits in die Schule eingedrungen, um den Amokläufer zu stoppen.«

»Was siehst du im Moment?«, hakte die Moderatorin nach. »Kannst du uns die Situation schildern?«

»Ich befinde mich gerade in der Grabenstraße vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz. Man sieht hier nichts außer Chaos. Es ist ein Blaulichtmeer aus vielen Rettungswagen, Notarztwagen, Polizeiwagen. Natürlich ist es auch schwierig für die Eltern, die besorgt sind um ihre Kinder. Die mit ihren Kindern in Verbindung stehen über Handy, die natürlich auch das Verkehrschaos mitverursachen. Ob es weitere Tote und Verletzte gibt, kann man derzeit noch nicht sagen. Ebenso weiß man noch nicht, ob sich der Täter irgendwo im Gebäude verschanzt oder die Flucht ergriffen hat.«

Triumphierend ballte er die Faust.

»Ist über den mutmaßlichen Täter irgendetwas bekannt?«

»Nein, aber ich versuche, Kontakt mit dem Pressesprecher der Polizei herzustellen. Doch hier ist ein derartiges Chaos. Ich habe ihn nicht ausfindig machen können, und rund um das Bischöfliche Gymnasium herrscht natürlich Ausnahmezustand. Moment«, Norbert Fink stockte, »ich erfahre gerade, dass man demnächst mit der Evakuierung beginnen will.«

»Antenne-Korrespondent Norbert Fink live vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz, wo sich ein Amoklauf ereignet hat. Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden.«

Dafür sorge ich, ihr werdet heute noch weltberühmt.

Zeit für Phase zwei.