Hintergründe zum Roman

Die Idee zu diesem Roman trug ich schon lange in mir. Sie entstand vor der Jahrtausendwende, als ich den Spielfilm Turm des Schreckens über den Amoklauf von Austin/Texas vom 1. August 1966 sah. Nach dem Film stellte ich mir die klassischen Fragen, die nach derartigen Taten auftauchen.

Warum?

Was motiviert eine Person, in blinder Wut möglichst viele Mitmenschen zu erschießen?

Wie verlief in der Regel das Leben eines Amokläufers vor der Tat?

Das Phänomen Amok

Das Wort Amok stammt aus dem Malaischen und beschreibt eine Person, die ohne Motiv auf andere Menschen in Tötungsabsicht losgeht und dabei in Kauf nimmt, selbst getötet zu werden.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war man der Meinung, dass Amokläufe nur in Vollrausch möglich seien. Später ging man dazu über, dahinter eine schwere psychische Störung zu vermuten. Inzwischen gilt es diese Annahme als widerlegt. Es ist vielmehr so, dass viele Faktoren nötig sind, bis es zum willkürlichen Massenmord kommt.

Der Amoklauf kommt nach Europa

Als es 2002 zum Amoklauf von Erfurt kam, setzte ich mir das Ziel, in einen Roman eine Figur Amok laufen zu lassen. 2005 beschloss ich, dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Dadurch versuchte ich, das Phänomen zu erfassen und dem Leser Einblick in die Gedankengänge eines Amokschützen zu ermöglichen. Mir ist bewusst, dass dies stets nur eine Näherung an die Persönlichkeit eines derartigen Täters sein kann.

Während ich mit dieser Buchidee schwanger ging, holte mich die Realität immer wieder ein. So kam es 2006 zum Amoklauf von Emsdetten und 2009 zu jenem in Winnenden. Als ich die Berichte darüber las und recherchierte, dass sich die Täter oft mit ihren »Vorgängern« identifizieren, kam mir die zündende Idee. Markus Donhart sollte sich in diese »Tradition« einreihen, indem er die Amokschützen als »Heilige« verherrlichte, die sich gegen die sündhafte Gesellschaft stellten.

Die Realität holt mich in aller Brutalität ein

Am 20. Juni 2015 holte mich die Realität abermals in aller Brutalität ein. Bei der Amokfahrt von Graz fuhr der Täter mit bis zu 100 km/h durch die Innenstadt. Dabei tötete er drei Menschen und verletzte 36 Passanten teils schwer, ehe er sich selbst der Polizei stellte. 
       Die Stadt unter Bürgermeister Siegfried Nagl reagierte vorbildlich auf diese Katastrophe. »Graz trauert«, lautete das Motto der sieben Trauertage nach der Tat.

Die Stadttrauer endete mit einem Trauerzug, der entlang der Route der Amokfahrt vom Griesplatz zum Hauptplatz führte. Dort nahmen 16.000 Menschen an der Kundgebung teil, wo man der Opfer dieser Wahnsinnstat gedachte. Am Ende dieser Trauerfeier verwandelten sich Trauer und Fassungslosigkeit in neue Hoffnung.

Das Landesgericht für Strafsachen sprach die einzig gerechte Strafe für den Täter aus: lebenslange Haft wegen dreifachen Mordes und Mordversuchs in 108 Fällen.

Dass ich dieses Verbrechen im Nachhinein nicht in mein Werk einbaue, versteht sich von selbst. Man sieht jedoch, dass Fakt und Fiktion oft ineinander verschwimmen. Bei einem Roman trifft dies immer zu. Ich habe beim Verfassen der Geschichte versucht, mich so nahe wie möglich an die reellen Gegebenheiten einer derartigen Lage zu halten. Allerdings erfordert die Dramaturgie, dass ich die Zuständigkeit einzelner Kriminalbeamter stark verändern musste. Ich bitte die echte Polizei, mich deshalb nicht zu verhaften.

Die Spezialeinheit Cobra

Die Spezialeinheit Cobra entstand als Reaktion auf die Terroranschläge in den Siebzigerjahren. Ihren Namen verdankt sie in der Tat der Fernsehserie Kobra, übernehmen Sie. Damals verglich die Presse die Einheit mit jener Truppe in der Serie, die für die unmöglichen Aufträge zuständig war.

Das Bischöfliche Gymnasium im Augustinum

Das Bischöfliche Gymnasium ist eine der sieben Institutionen des Augustinums und hat eine sehr Geschichte. Gegründet wurde es bereits 1830 als Schülerheim für Zöglinge aus Leoben. Seit 1856 wurde in dem Haus in der Grabenstraße das Bischöfliche Gymnasium gegründet. Seit 1895 besitzt es das Öffentlichkeitsrecht und in diesem Jahr fand die erste Reifeprüfung statt.

Wer dort in einen Gang im ersten Stock einbiegt, entdeckt die Galerie, welche die Maturafotos ab 1895 zeigt. Wie im Buch beschrieben fehlen kriegsbedingt die Jahrgänge der Weltkriege. Die Porträts ehemaliger Internatsleiter und früherer Direktoren gibt es seit dem Umbau im Jahre 2009 nicht mehr. Ich habe von der literarischen Freiheit Gebrauch gemacht, jenen Flur in das Erdgeschoß zu verlegen. Ferner habe ich das Foto von 1934 verändert. In Wirklichkeit ist darauf keine Kruckenkreuzflagge zu sehen.

Die in dem Buch erwähnten »Fakten« über Lehrer und Schüler sind frei erfunden. Dies gilt vor allem für Direktor Leopold Ernst, Kaplan Benedikt Birkner, Markus Donhart und Norbert Fink.

Der Baum im Lindenhof ist in der Tat über hundert Jahre alt. Dort werden alle möglichen Events veranstaltet und so kam mir die Idee, da auch eine Fastenmesse stattfinden zu lassen.

Im Roman steckt der Täter seinem ersten Opfer ein Foto mit einem lettischen Vers in den Kragen. Dieser wurde leicht von einer echten Daina abgewandelt. Dass es in diesem Vers um den Schmerz der Grazer Mütter geht, wurde jedoch von mir erfunden.

Es gibt neben dem Bischöflichen Gymnasium sechs weitere Institutionen im Augustinum. Allerdings zählt die Softwarefirma Ernst & Partner nicht dazu. Diese gibt es nur in VERDACHT – WAS DU NICHT SIEHST.  

Der lettische Nostradamus

Man wird den Propheten Eižens Finks aus Riga für Fiktion halten, doch den gab es wirklich. Er wurde 1885 in eine Zirkusfamilie geboren. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Fotograf. In der Zwischenkriegszeit machte er sich als Wahrsager einen Namen, der weit über die Grenzen Lettlands hinaus reichte. So hatte er 1925 korrekt den tödlichen Autounfall des Außenministers Zigfrīds Anna Majerovics und 1927 den Tod des lettischen Präsidenten Jānis Čakste vorausgesagt. Besonderes Aufsehen erreichte ein Vorfall auf einem Ball, wo Finks der reichsten Frau des Landes den Hungertod in bitterster Armut voraussagte. Auch das traf 1941 durch die sowjetischen Deportationen nach Sibirien in tragischer Weise ein. 

Während seiner letzten Lebensjahre prophezeite er, Lettland würde in jenem Jahr wieder frei sein, in dem die Ziffern von vorne und von hinten gelesen, gleich wären. Dies sollte sich 1991 erfüllen.

Knapp vor seinem Tod im Februar 1958 meinte er, sein Leben würde in Zukunft mehrere Künstler inspirieren. 2002 wurde ein Musical über seine Vita komponiert. So gesehen ist VERDACHT ebenfalls eine erfüllte Prophezeiung. Zumindest kam mir die Idee mit dem prophetischen Foto, als ich von Eižens Finks hörte. Allerdings hat er weder mit lettischen Dainas gearbeitet noch einen Amoklauf in Graz prophezeit.

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