Eine Chance für Jungautoren?

Rowohlt Rotation schrieb einen Schreibwettbewerb aus, wo man einen Verlagsvertrag für ein E-Book „gewinnen“ kann. Auf dem Werbeplakat blickt die Chefredakteurin von „Die Zeit“ besonders unschuldig und scheinbar gespannt auf den hoffnungsfrohen Jungautor im Krimigenre herab. Allerdings ist ein Schreibwettbewerb, wo man einen Verlagsvertrag für ein E-Book „gewinnen“ kann, genauso absurd wie ein unbezahltes Praktikum, wo man einen Halbtagsjob „gewinnen“ kann.  Dieser skurrile Aspekt hatte Lia Lindmann veranlasst, einen offenen Brief an den Rowohlt-Verlag zu schicken, den ich aus vollster Überzeugung und mit freundlicher Genehmigung der Autorin auf meinem  Blog teile.

300 Stunden Arbeit für eine "Chance"?

Ein offener Brief an den Rowohlt Verlag
Zu Händen von Sabine Rückert:

„Unser bisher härtester Fall:
Neue Krimiautorinnen zu finden!“


Lieber Rowohlt-Verlag,

Der offene Brief

mich wundert es nicht, dass es für Sie „hart“ ist, neue Krimiautor*innen zu finden.

Denn wie Sie dabei vorgehen, ist auch nahezu „kriminell“.

In welchem anderen Beruf ist es vorstellbar, dass „eines der renommiertesten“ Unternehmen, eine Ausschreibung macht, bei der eine qualifizierte Person ca. 300 Stunden einer Auftragsarbeit (nach Vorgabe) ausführt, für die „Chance“ auf einen nicht genauer beschriebenen „Vertrag“.

„Reichen Sie Ihr mindestens 50-seitiges Manuskript ein, wir haben hier drei Prompts: „Der Elektriker“, „Mord im Moor“, „Schlüsseldienst“

Die Person, die Sie suchen, muss qualifiziert sein:

„Sie sind Autor*in?
Haben Schreibtalent, Ideen, Flexibilität?
Offenheit für Social Media-Aktivitäten?“

Ein*e Krimiautor*in muss tiefgehendes Wissen haben, gut recherchieren und beobachten können, spannend schreiben, eine besondere Idee haben, tolle Plots entwickeln können, sich mit Dramaturgie, Humor und Finesse auskennen, braucht Tiefe in den Figuren, Orten und Themen, die angesprochen werden. Ihr*e Kandidat*in muss sich in die Hintergründe eines Ihrer drei Szenarien einarbeiten („Der Elektriker“, „Tod im Moor am Steinhuder Meer“, „Schlüsseldienst“). Ihre Aufgabe kann niemand mal eben aus einer Schublade ziehen! (Und wenn doch – es würde sicher immer noch um eine enorm umfassende Arbeit handeln.)

Diese 50 Seiten sind anschließend für keinen anderen Verlag interessant.

50 Seiten – das sind 300 Stunden – sehr wohlwollend geschätzt:

Wenn ich schreibe, denke ich oft Tag und Nacht an meine Aufgabe, ich spreche mit meiner Partnerin darüber, beim Frühstücken kommen Ideen. Um 23 Uhr sagt sie: „Mach mal Feierabend“ oder „Können wir jetzt mal über etwas anderes reden?“ Ihre Aufgabe würde mich vermutlich von heute bis zum Einsendeschluss rund um die Uhr beschäftigen: Drei Monate, in denen ich keine andere Arbeit ausführen kann. Drei Monate ohne Gehalt. Für die „Chance“ auf einen Vertrag, über den wir nichts wissen.

Ernsthaft. Mit welcher anderen Berufsgruppe würden Sie das tun? Würden Sie hunderte Maurer*innen dazu auffordern drei Monate lang acht Stunden täglich Ihr Verlagsgebäude zu renovieren, um am Ende einer Person einen „Vertrag“ anzubieten?

Würden Sie hunderte Reinigungskräfte dazu auffordern, monatelang nach Ihren speziellen Vorgaben unentwegt zu reinigen, um am Ende die beste Reinigungskraft zu wählen, die eine „Chance“ bekommt?

Würden Sie hunderte Buchhalter*innen dazu ermutigen, für 300 Stunden Ihre Finanzen für Sie zu regeln, um dann eine*n davon anzustellen?

Wie gering ist Ihr Respekt vor der schreibenden Zunft? Wie gering ist Ihr Respekt vor Autor*innen? Vor unserer Arbeits- und Lebenszeit und unserem Produkt: dem Buch.

„ABER DAS IST IN DER BRANCHE SO ÜBLICH.“ – Umso schlimmer. Ihr „Angebot“ steht für tausende unmoralische Angebote, die Dichter, Denkern und Künstlern gemacht werden. Die Coronakrise hat insbesondere für Künstler und Freischaffende verheerende finanzielle Folgen. Und nun das?

„Rowohlt war kein Verlag. Rowohlt war eine Idee.“ – Nun. In diesem Fall muss ich sagen: Diese Ausschreibung war keine gute Idee. Hier wird das Autorentum ermordet.

Ganz ernsthaft wünsche ich mir eine Antwort: Was ist das geschriebene Wort wert? Was ist geistige Arbeit wert für Sie?

Die Verfasserin dieses Textes ist Lia Lindmann, Autorin des Ratgebers „Leichter leben mit Lipödem“, der 2020 bei humboldt erschienen ist. In ihrem Buch verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse aus Lipödem-Forschung, Forschung verwandter Erkrankungen und Schmerzmedizin mit der Analyse von Erfahrungsberichten von tausenden Betroffenen und ihrem eigenen Weg mit der Erkrankung. 15 internationale Expertinnen aus verschiedenen medizinischen, forschenden und beratenden Bereichen der Lipödembehandlung haben Texte zum Buch beigetragen.

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