Sieben Mythen über Schriftsteller

Mythos Nummer 1: Schriftsteller sind vom Kuss der Muse abhängig.

Mythos 1: Der Kuss der MuseDass es nur nach dem Kuss der Muse klappt, ist ein sehr beliebtes Märchen, wenn es um Schriftsteller geht. Wenn in Filmen Schriftsteller vorkommen, sitzen sie oft vor dem leeren Blatt Papier und müssen innerhalb einer Woche einen Roman verfassen. Verzweifelt kämpfen sie am Schreibtisch um eine Idee, doch die will ihnen partout nicht einfallen. Angehörige empfehlen, er möge doch endlich Urlaub machen. Widerwillig lässt sich der Schriftsteller auf den Zwangsurlaub ein, geht im Wald spazieren und urplötzlich kommt ihm die rettende Idee für den Roman. Er rast nach Hause, setzt sich an den Schreibtisch und verfasst im letzten Moment vor dem Abgabetermin den Bestseller.

In Wahrheit macht der Kuss der Muse, wenn überhaupt, etwa 1 Promille eines gelungenen Romans aus. Was gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass Schreiben vor allem Handwerk ist. Nachdem man eine Idee gefunden hat, ist diese zu verfeinern, die Charaktere müssen entwickelt werden und es braucht eine logisch stringente Handlung. Dabei gilt es, die Gratwanderung zwischen klischeehaften und unglaubhaften Plots zu meistern sowie interessante Figuren zu entwerfen, deren Geschichten der Leser verfolgen will. Sobald darüber Klarheit herrscht, wird eine Rohfassung geschrieben und danach geht es an das mühsame Überarbeiten, bis man überhaupt daran denken kann, den Text an einen Verlagslektor zu geben.

Egal, ob es sich um ein Musikstück, ein Gemälde oder eben einen Roman handelt; erfolgreiche Werke zeichnen sich durch 10% Inspiration und 90% Transpiration (harte Arbeit) aus. Autoren weniger erfolgreicher Bücher meinen, es mit 50% Transpiration zu schaffen, während Möchtegern-Schriftsteller glauben, ganz auf Transpiration verzichten zu können.

Mythos Nummer 2: Schriftsteller produzieren geniale Texte über Nacht.

Mythos 2: Schriftsteller produzieren geniale Texte über NachtDiese Mär ist eng mit dem ersten Mythos verwandt. Titus Müller, der bekannte Autor historischer Romane, hat eingestanden, dass ihm das Schreiben von Einträgen in Gästebüchern Unbehagen bereitet. Die Leute erwarten von ihm als Schriftsteller eine besonders geistreiche und individuell ausgerichtete Note. Sie meinen, ein Schriftsteller schüttle jeden Text einfach so aus dem Ärmel, ohne lang nachdenken zu müssen. Leider ist dem nicht so. Der bekannte Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway hat seine Erstentwürfe nicht ohne Grund als Exkrement bezeichnet. Es kommt durchaus vor, dass man ganze Szenen in die Tonne wirft, dreißig Seiten einfach zerknüllt und bei manchen Sätzen Stunden lang grübelt und um passende Worte ringt.

Mythos Nummer 3: Schriftsteller lesen nie, um ihre Kreativität zu bewahren.

Mythos Nummer 3: Schriftsteller lesen nie, um ihre Kreativität zu bewahren.Jeder veröffentlichte Autor wird bei diesem Satz bestenfalls mit einem müden Lächeln reagieren. Schlimmstenfalls wird er dir bei solchen Worten den Vogel zeigen.

Manche Leute glauben, dass der Autor mit dem Lesen anderer Bücher nur Ideen holt, die er abwandelt, um daraus ein eigenes Buch zu produzieren. In Wahrheit sind die Ideen das geringste Problem eines Schriftstellers, meist kann er sich vor der Ideenflut in seinem Geist nicht erwehren.

Lesen bildet. Mit jedem Roman, den man liest, wächst das Gespür für die Sprache und für gemeisterte schriftstellerische Probleme. Oft stößt man beim Schreiben eines Buchs auf Probleme, welche bereits von anderen Autoren gelöst worden sind. So muss zum Beispiel meine Protagonistin im Todesernst schnell ein Passwort knacken, um Zugriff auf den Rechner eines Amokläufers zu erhalten. Raten würde die Sache unglaubhaft machen und eine zufällig platzierte Notiz neben dem Schalter wäre einfach zu billig. In Dan Browns Roman Meteor muss die Protagonistin das Passwort des Senators Robert Saxton knacken und es gelingt ihr über die Laufschrift des Bildschirmschoners. Man hat hier ein Beispiel eines gelösten schriftstellerischen Problems, das man in seinen Roman einbauen kann. Jedoch übernimmt kein guter Schriftsteller die Lösung 1:1, sondern nutzt sie als Inspirationsquelle für die Gestaltung seiner Szene.

Man kann jeden Roman einfach als Genuss lesen oder ihn analytisch unter die Lupe nehmen. Dabei kann man je nach Lust und Laune auf die Sprache, auf die Gestaltung der Szenen, auf die wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte oder auf Charakterisierung der Figuren achten.

Mythos Nummer 4: Der Schriftsteller hat’s, der Schriftsteller kann’s, aber niemand vermag es zu erlernen.

Mythos 4: Der Schriftsteller hat's, der Schriftsteller kann's, aber niemand vermag es zu erlernenKennen Sie fünfjährige Schriftsteller? Nein? Ich auch nicht. Beim Vorschulkind hapert es am Fundamentalsten, dem Lesen und Schreiben. Johann Wolfgang von Goethe, Peter Rosegger und Andreas Eschbach waren am ersten Schultag Analphabeten!

Nun besagt diese Mär, dass, sobald man das Aneinanderreihen von Buchstaben und Wörtern erlernt hat, das Talent zutage tritt und zu Begeisterungsstürmen bei Eltern und Lehrern führt. Hansi, der geborene Schriftsteller schüttelt die Texte mit Leichtigkeit aus dem Ärmel und jeder weiß bereits während der Volksschuljahre, dass der Bub der nächste Bestsellerautor ist.

In Wahrheit ist diese Ansicht absurd. Es wird klar, wenn man sich einen Arzt vorstellt, der niemals Medizin studiert hat und in einer Ordination praktiziert, weil er angeblich Talent hat. Genauso verhält es sich mit einem Fußballer, der ein Match der Nationalmannschaft besucht und gleich danach bei Bayern München in der Kampfmannschaft spielen will.

Spitzenfußballer wird man nur, wenn man ständig trainiert und Fußball spielt.

Arzt wird man, indem man sich intensiv mit der Medizin auseinandersetzt und sich ständig weiterbildet.

Schriftsteller wird man, indem man sich mit dem schriftstellerischen Handwerk beschäftigt und regelmäßig schreibt. Auch bei Schriftstellern gilt das altbekannte Sprichwort: Es fällt kein Meister vom Himmel.

Mythos Nummer 5: Schriftsteller können vom Schreiben nicht leben.

Mythos 5: Schriftsteller können vom Schreiben nicht lebenStimmt meistens, aber eben nicht immer. Es kommt vor allem darauf an, in welcher Liga man schreibt. Für Autoren, die im Druckkostenzuschussverlag »veröffentlichen«, wird die Schriftstellerei immer ein Verlustgeschäft. Veröffentlicht man im Schmuddelverlag oder versucht man es als Selfpublisher, gelangt man zu 95% in einen aussichtslosen Kampf an der Marketingfront. Das führt nunmehr dazu, dass das Schreiben vernachlässigt oder stiefmütterlich behandelt wird. Wenn es gelingt, in einem Kleinverlag unterzukommen, kann man sich erstmals Hoffnungen machen, dass man am Buchmarkt reüssieren wird. Schafft man es jedoch, als Spitzentitel in einem Publikumsverlag unterzukommen, bestehen realistische Chancen, bald vom Schreiben leben zu können.

Mythos Nummer 6: Schriftsteller sind reich!

Mythos Nr. 6: Schriftsteller sind reich!Diese Mär steht im Widerspruch zu Mythos Nummer fünf, wird aber dennoch gerne geglaubt und oft im selben Gespräch mit Mythos Nummer fünf gebracht. Natürlich sind Leute wie Joanne K. Rowling (Harry Potter), Dan Brown (Sakrileg) und  Marc Elsberg (Blackout) sehr reich geworden. Es handelt sich bei diesen Autoren um jene Glückspilze, die einen Megaseller (mehr als 1.000.000 verkaufte Bücher) gelandet haben und somit den Jackpot des Buchmarktes geknackt haben.

Unter der Unmenge an veröffentlichten Autoren können nur extrem wenige von sich behaupten, sich mit einem Superkracher in das kollektive Bewusstsein geschrieben zu haben. Es wird auch in Zukunft Harry Potters geben, jedoch werden diese Diamanten weiterhin extrem selten sein.

Für einen Schriftsteller ist die innere Leidenschaft zu seinen Projekten enorm wichtig. Wer allein des Geldes wegen schreibt, dem empfehle ich dringend, einen anderen Weg zu wählen. Jeder langweilige Job wird ihm finanziell mehr bringen.

Mythos Nummer 7: Schriftsteller führen ein sozial aufregendes Leben

Schriftsteller führenMythos Nr. 7: Schriftsteller führen ein sozial aufgeregtes Leben vor allem ein einsames Leben. Den Großteil seiner Zeit verbringt er alleine in seinem Arbeitszimmer hinter dem Schreibtisch. Neben dem Schreiben und Überarbeiten beschäftigt er sich mit der Akquise und Vorbereitung der Lesungen, dem Marketing auf sozialen Kanälen und administrativen Aufgaben.

In der Öffentlichkeit sind Schriftsteller nicht bekannt, auf der Straße werden selbst Autoren wie Dan Brown, Andreas Eschbach und Sebastian Fitzek nicht erkannt. Bei den Medien gelten Autoren allenfalls als C-Promis.

 

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