Gelbgurt

Show, don’t tell!

Show don’t tell!, lautet die Antwort auf die Frage, wie ein Schriftsteller viele Seiten zu einem Thema schreiben kann, während ein Unbedarfter oft nach 10 bis 30 Seiten am Ende seiner Fahnenstange ankommt. 

Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer jungen Dame, wo es genau um dieses Thema ging.  Sie fragte mich, wie es ein Schriftsteller schafft, so viele Seiten in einem Buch zu packen, ohne dabei langweilig zu werden.

Was man in der Schule lernt

Nachdem man in der Grundschule das Schreiben erlernt hat, geht es in den ersten Jahren auf dem Gymnasium um Erlebnisaufsätze, Bildgeschichten und das Verfassen von Berichten.

Später werden literarische Klassiker wie Goethes Faust analysiert. Oft kommt es vor, dass der Deutschprofessor eine Schularbeit einer guten Schülerin vorliest und diese als besonders gelungen darstellt. Hingegen kämpften die meisten von uns damit, die Schularbeit möglichst ohne Rechtschreibfehler auf das Papier zu bringen.

Deutschprofessor Lämpel

Diese Pädagogik führt nun dazu, dass  …

  • die Aufsätze kurz gehalten werden, um tödliche Fehler zu vermeiden.
  • kurze Texte automatisch das Risiko von negativen Noten reduzieren.
  • man lernt, die Dinge rasch und direkt zu erwähnen.
  • der Genialitätsmythos genährt wird, indem der Lehrer der Klasse eine »besonders gute Schularbeit« vorliest.
  • kreatives Schreiben mit der Literatur von Genies gleichgesetzt wird.

Im Unterricht hört man jedoch nie “Show don’t tell!”

Jedoch lernt man in all den Jahren in der Schule nicht, worauf es beim Schreiben von unterhaltsamen und spannenden Geschichten ankommt. Der zentrale Lehrsatz, der nie gelehrt wird, lautet: Zeigen, nicht behaupten! Oder wie es auf Englisch heißt: Show, don’t tell! 

Wenn ein Anfänger seinen Text zum ersten Mal in einer kompetenten Kritikgruppe präsentiert, hört er nahezu bei jedem Satz diese drei Worte. 

»Show, don’t tell!«, gilt in der Schreibszene als Mantra, das den (angehenden) Schriftsteller durch seine gesamte Karriere begleitet. Diese fundamentale Regel des Handwerks besagt, dass man beim kreativen Schreiben die Vorgänge zeigt und nicht einfach davon berichtet.

Wenn ein Roman schon zu Beginn den Leser abtörnt

Um das besser zu verstehen, zeige ich euch den Start eines Romans, wie ich ihn seinerzeit als Anfänger versucht habe. Wenn man Kopfweh beim Lesen bekommt, kann man ruhig bis zur Analyse scrollen.

Lesen auf eigene Gefahr
Lesen auf eigene Gefahr!

Sabrina Mara ahnte noch nicht, dass der heutige Tag wohl einer der Wendepunkte in ihrem Leben darstellen sollte, als sie frühmorgens ihre Wohnung verlassen hatte, um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Landeskriminalamt zu fahren, wo sie seit gut vier Jahren in der Tatortgruppe den Dienst schob. In letzter Zeit hatte es kaum aufregende Fälle gegeben und der Arbeitsalltag war schon zur Routine erstarrt. Als sie sich im Bus auf einem Platz niedergelassen hatte, dachte sie wieder an die bevorstehende routinegemäße Morgenbesprechung, welche in der Regel fürchterlich langweilig war. Es gab so gut wie nie neue Ereignisse und so kaute man die eine oder andere Spur zum x-ten Mal durch, um vielleicht doch noch ein Detail zu erkennen. Insgesamt hatte sie die Arbeit in der Spurensicherung nicht so nervend vorgestellt, was durchaus auch an ihrem Chef lag, der sie immer wieder mit frauenverachtenden Sprüchen aufzog. Es konnte wohl daran liegen, dass Hutnagl noch ein Kriminalpolizist der alten Schule war und deshalb Frauen nicht im Dienst eines Wachkörpers vertrug. Es war wohl auch das Problem, dass Hutnagl ein fanatischer Schwarzer war, während Mara der SPÖ nahe stand und deren Ideale teilte. Seit dem Tag, an dem sie in der Tatortgruppe ihre Arbeit aufgenommen hatte, war sie immer wieder in Reibereien mit Kurt Hutnagl geraten und sie hätte ihre Polizeikarriere schon längst auf den Nagel gehängt, wenn Hutnagl bei den Kollegen ihrer Tatortgruppe beliebt gewesen wäre. Hutnagl war bereits 55 Jahre alt und so bestand schon die berechtigte Hoffnung, dass der Herr Oberstleutnant bald in Pension ging und danach ein frischer Wind im Landeskriminalamt wehen würde. Doch sie fragte sich immer wieder, wie sie diese folgenden fünf Jahre noch aushalten könne und fuhr dabei etwas frustriert durch ihr rotblondes Haar. 

Als der Bus gerade zum Europaplatz fuhr und sie den Hauptbahnhof erblickte, erinnerte sie sich schlagartig an den letzten Streit, den sie mit Kurt Hutnagl bei einer Morgenbesprechung hatte.

Am Vortag war im Stadtpolizeikommando ein anonymer Brief eingelangt, dem ein eigenartiges schwarzweiß gehaltenes Foto beigelegt worden war. Normalerweise hätte man den Fall der Stadtpolizei überlassen, doch war es gerade Hutnagl, der darauf bestanden hatte, dass man diese Sache dem Landeskriminalamt überlasse.

»Das las sich wie Mickey Spillane auf LSD«

Damals legte ich meinen Romananfang einem guten Freund vor und bat ihn um ein ehrliches Feedback. Sein Urteil fiel wenig ermutigend aus. 

Mickey Spillane auf LSD
Mickey Spillane auf LSD

Der Text liest sich wie ein Mickey Spillane auf LSD. Da kennt sich keiner aus! Wirklich keiner! Kurt Hutnagl kommt so wie Sabrina Mara nicht zur Geltung. Beide sind so flach wie das Papier, auf dem sie geschrieben stehen! Außerdem fehlen die Dialoge! Und zwar, völlig!

Kritik eines Lesers aus meinen Anfangstagen.

So eine Kritik kommt heraus, wenn man das »Show, don’t tell!« nicht beherrscht!  Werfen wir einen Blick auf diesen schwachen Romananfang und schauen wir, wie und warum er den Leser verwirrt zurücklässt.

Worin liegen die Probleme bei diesem Anfang?

Der verregnete Blick aus dem Fenster
Er wachte auf und sah aus dem Fenster, wie es regnete – der klassische, schlechte Romananfang

Schlechter kann man einen Romanstart kaum verfassen, es sei denn, man benützt die üblichen Klischees, wo der Protagonist aufwacht, dann aus dem Fenster schaut und einen Bericht über das schlechte Wetter abliefert. Die Ankündigung im ersten Satz, dass die Protagonistin (die wir ja noch gar nicht kennen) etwas ganz Übles erleben und meistern wird, ist nicht weniger schlimm als der Wetterbericht nach dem Aufstehen. Ein Lektor wird bereits nach dem ersten Satz das Manuskript zur Seite legen – hier haben wir es mit einem Autor zu tun, der das Handwerk nicht beherrscht.

Der einleitende Absatz beweist, dass der Autor vieles behauptet und nichts davon zeigt. Es wird versucht, Sabrina Mara und Kurt Hutnagl vorzustellen, wobei beide nicht greifbar sind. Das liegt vor allem daran, dass viele banale Behauptungen über ihre Arbeit im LKA geliefert werden. Als Leser will man die Konflikte zwischen den beiden live miterleben und nicht mit einer faden Aufzählung von fiktiven Fakten konfrontiert werden.

Damit diese langweilige Auflistung möglich wird, wird bereits im ersten Absatz des Romans auf mehrere Rückblenden zurückgegriffen. Dadurch wird frisch fröhlich in der Zeit herumgesprungen, sodass der Leser nicht mehr weiß, worum es eigentlich geht. Der dritte Absatz bringt mit einer Rückblende in der Rückblende einen Drohbrief ins Spiel. Spätestens da steigt jeder Leser mit Kopfweh aus und vermutet die Wiedergabe eines LSD-Trips durch den Autor.

Mickey Spillane auf LSD

An diesem schlechten Romananfang sehen wir, warum reines Erzählen  nichts bringt, sondern nur verwirrt. Wenn im Kopf des Lesers ein Film ablaufen soll, müssen wir den Ablauf des Romans zeigen, anstatt ihn nur zu erzählen.

Show don’t tell 

Also: Show, don’t tell!

Show don’t tell

Aber wie setzt man das berühmte Show don’t tell um?

Nehmen wir als Beispiel, eine Diskussion im Landeskriminalamt über einen Drohbrief und ein altes Foto. Diese Szene wird zuerst erzählt und danach szenisch gezeigt.

Der anonyme Drohbrief im LKA 

Variante 1 – Just tell it!

Just tell it
Just tell it

Sabrina erinnerte sich, dass der Brief in einem sehr schlechten Deutsch verfasst worden war. Darin wurde vor einer großen Katastrophe in Graz gewarnt. Der Verfasser des anonymen Schreibens hatte zudem das Foto als Beweisstück vorgelegt und behauptet, dass es sich um eine prophetische Aufnahme handelte. Im LKA hatten alle bei dieser Stelle laut gelacht, zumal vom Briefschreiber gefordert worden war, das Alter des Fotos zu bestimmen. 

Natürlich wurde das Foto durch die Runde gereicht und es wurde über diese anonyme Drohung etwas gescherzt. Das Bild schien schon einige Jahre am Buckel zu haben und zeigte zwei zugedeckte Leichen im Burggarten. 

Am oberen weißen Rand war eine fremdländische Parole zu lesen, deren Sprache von keinem der Anwesenden identifiziert werden konnte. Natürlich waren auch die Hakenkreuze auf den Ecken des Lichtbildes ein Thema in dieser Besprechung.  

Analyse

So einen Text mag man in einem Gedächtnisprotokoll einer Polizistin zu einer Besprechung über einen Drohbrief finden, jedoch hat er in einem Roman sicher nichts zu suchen.

Warum nicht?

Hier wird über das Meeting berichtet, wobei der Leser verwirrt und ratlos zurückbleibt. Für eine Polizistin, die das Meeting erlebt hat, mag alles klar sein; für einen Außenstehenden wird durch diesen Text nichts und schon gar nichts verständlich.  Warum das Foto so besonders ist, erfahren wir nicht. Genauso wenig erfahren wir, vor welcher Katastrophe in jenem Brief gewarnt wird. Weder Sabrina noch ihre Kollegen sind für mich als Leser zu greifen. Mickey Spillane auf LSD lässt grüßen.

Als Leser möchte ich Zeuge des Konflikts werden. Ich will also das Meeting und die Konflikte darin von Anfang bis zum Schluss erleben. Langsam wird es Zeit, das »Show, don’t tell« vorzuführen.

Variante 2 – Let’s run the show!

Let's run the show
Let’s run the show!

Sabrina blickte gespannt zu ihrem Chef, der ein vergilbtes Foto und einen Brief aus dem Kuvert zauberte. Hutnagl faltete das Papier auseinander und drehte das Blatt in die richtige Position. »Auf Ideen kommen die Leute! Aber vorlesen muss ich das ja. Also.« Er ließ ein paar Augenblicke verstreichen. »Sehr geehrte Polizei Damen und Herren. Finks war Prophet wie Nostradamus und er hat 1936 auf See Mord aus Zukunft fotografiert! Opfer werden sein  Bräutigam und Braut.  Aber das wird nur Anfang. Donner verliert Beherrschung und Graz droht Katastrophe. Finks sagte: Donner wird töten viele der Leute!«

»Türkischmann!«, unterbrach ihn der Kriminaltechniker. »Nix können Deutsch! Was da schreiben?«

Kollege Ölmann klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. »Deutsche Sprache – schwere Sprache!«

»Es kommt noch viel besser.« Hutnagls zitternder Zeigefinger kündigte die nächste Pointe aus dem Brief an. »Ich war vor Krieg in Graz und sah katholische Schule wie kleines Schloss. Wenn meine Kleintochter des Präsidenten Assistentin wird, dann droht große Gefahr zur Sommers Sonnenwende. Nun wird sie bald Graz besuchen. Finden Sie Donner! Verhindern Sie Katastrophe! Des Foto Alter beweist es! Laima.«

Der Kriminaltechniker verzog seine Lippen zu einem Grinsen. »Ganz so anonym dürfte das vielleicht doch nicht sein, oder?«

»Ach was?« Hutnagl schnaufte und reichte Brief, Foto und Kuvert in die Runde. »Schaut es euch an. Sagt mir, was ihr davon hält.«

Langsam schritt er zum Flipchart und nahm einen roten Stift in die Hand. »Amokgefahr« titelte er das leere Blatt und zog in der Mitte einen senkrechten Strich.

»So ein Scheiß! Das Foto beweist gar nichts!« Ölmann trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Reine Zeitverschwendung.«

»Larissa?«, warf der Kriminaltechniker ein. »Heißt etwa nicht die Puppe von der Sitte so?«

»Dann ist dieser Fall eh schon gelöst.« Ölmann lehnte sich salopp zurück. »Die Brittner macht gerade Cluburlaub in der Türkei und ihr ist grad fad. Drum verarscht sie uns.«

»Wird wohl so sein«, mutmaßte Sabrinas Sitznachbar und reichte den Brief und das alte Foto an sie weiter.

Die Aufnahme in schwarz-weiß sah irgendwie unwirklich aus. »Līgavain un Līgavu«, hatte jemand auf dem zentimeterbreiten Streifen oberhalb des Bildes geschrieben und den Spruch mit zwei Hakenkreuzen flankiert. Dass der Spruch den zwei Leuten auf dem Lichtbild galt, erschien Sabrina wahrscheinlich. Dem Anschein nach handelte es sich um ein Brautpaar, das verrenkt auf der Wiese lag. Die deutlichen Verdunklungen auf dem Brautkleid und der Schatten beim Hals der Braut, sowie der starre Blick von Braut und Bräutigam verrieten, dass beide wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ein Glashaus füllte den Hintergrund der Szenerie aus. Keine Frage. Das Foto wurde vor der Orangerie im Grazer Burggarten geschossen.

»Gab es während der Nazizeit im Burggarten einen Mord an ein Brautpaar?«, fragte Sabrina die Runde.

»Nein! Solange ich bei der Kripo bin, und das sind sicher schon einige Jährchen, ist dort nie was passiert«, erwiderte Hutnagl und fuhr mit dem Finger über den Schnurrbart. »Aber, machen wir ein Brainstorming. Was wissen wir?«

»Das Foto soll prophetisch sein«, bemerkte der Kriminaltechniker. »Machen wir eine Altersbestimmung und dann wissen wir, dass es ein Schmarrn ist.«

»Das wissen wir auch so«, gab Ölmann von sich und schenkte sich Kaffee nach. »Wie beim Nostradamus. Der hat auch für 1999 den Weltuntergang prophezeit und passiert ist da gar nichts.«

Angeblich prophetisches Foto von 1936, schrieb Hutnagl auf die Flipchart.

Sabrina drehte das Bild auf die Rückseite. Ein aufgemaltes Hakenkreuz stach ihr ins Auge. Obwohl es ihr klar war, den Vers darunter zu verstehen, las sie ihn:

Ak pērkoniņš, ak pērkoniņš

Vai viņš tādā skolā bija?

Kapec viņš aklās dusmās šauj

Līgavain’ un līgavu.

Die Worte tänzelten vor ihrem Auge und erzeugten in ihrem Ohr einen harmonischen Klang. Dennoch ergab es keinerlei Sinn. »Weiß zufällig wer von euch, welche Sprache das sein könnte?«, fragte sie in die Runde.

»Lass mal sehen.« Sabrinas Sitznachbar griff nach dem Foto und versuchte, den Vierzeiler laut vorzulesen. Sein Lallen wurde mit einem Gelächter quittiert.

»Slowenisch ist es sicher nicht!«, warf Ölmann ein. »Denn das hätte ich fix erkannt. Die Meinige kommt aus Ptuj.«

»Also aus Pettau«, bemerkte Hutnagl. »Kroatisch ist da ähnlich und Ungarisch klingt ganz anders. Italienisch, Französisch oder Spanisch können wir sowieso ausschließen.«

»Unbekannte Sprache«, schrieb er auf das Flipchart.

Analyse

Variante 2 ist deutlich länger. Sie arbeitet mit beschreibender Sprache und mit Dialogen, um im  Kopf des Lesers einen Film zu erzeugen. Anstatt nur die Fakten aufzuzählen, werden Aktionen, Gedanken und Gefühle sinnlich präsentiert. In den Dialogen bekommt man durch das Handeln der einzelnen Figuren auch deren Eigenschaften mit. Gesprochene Worte transportieren auch die Stimmung, in der sich die Personen gerade befinden. Metaphern können dem Leser die Details unmittelbarer rüberbringen.

All dies trägt dazu bei, dass der Leser zum Zeugen der Besprechung im LKA wird. “Show don’t tell” liefert sozusagen das Meeting  live ins Haus. Im Kopf des Lesers entsteht ein Film.

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