Was ist Schreibkarate?

SchreibkarateSchreibkarate ist die Kampfkunst des kreativen Schreibens.

Um eines Tages in einem Verlag zu landen, brauchst du Konsequenz, Ausdauer und ein dickes Fell.

Um eines Tages in einem Verlag zu landen, braucht man Konsequenz, Ausdauer und ein dickes Fell. Wer Schreibkarate übt, bekommt all dies mit der Zeit. Der Schreibkarateka wächst an der kompetenten Kritik. Er lernt, sie von unqualifizierten Meldungen zu unterscheiden. Letztere prallen an im ab, während konstruktiver Tadel seine Textkraft verstärkt. Nach Rückschlägen steht er wieder auf. Niemals verliert er sein Ziel aus den Augen. Wer sich auf Schreibkarate einlässt, entfacht in sich ein Feuer der Leidenschaft. Dieses muss stets gepflegt und genährt werden.

Eines muss gleich vorweg gesagt werden. Der Weg zum erfolgreichen Autor ist sehr lang und mit vielen Rückschlägen gepflastert. Der Erfolgsautor Sebastian Fitzek empfiehlt, sich selbst als eine Romanfigur zu sehen. Diese erleidet eine Niederlage nach der anderen, bis sie am Ende obsiegt. Denn jede Ablehnung durch eine Agentur oder durch einen Verlag schmerzt enorm. Dennoch gilt es, weiterzumachen und aus ihr zu lernen. Dazu gehört ein starker Wille.  Man schlägt immer wieder mit dem Kopf gegen eine gläserne Decke.  Schließlich bekommt sie Sprünge und dann gelingt einem Schreibkarateka plötzlich der Durchbruch.

Um Schreibkarate zu betreiben, bedarf es vor allem Geduld, Ehrlichkeit mit sich selbst und Lernbereitschaft.

Die Schülergrade der Schreibkarate

Acht Stufen zum Schriftsteller

Im Karate wird der Schülergrad Kyu genannt, was übersetzt Klasse bedeutet. Damit haben wir eine erste Parallele zur Schule. Niemand kommt mit dem Abitur auf die Welt. Dafür muss sich jeder Schüler sich von der ersten Klasse zum Abi hoch kämpfen. Die Reifeprüfung steigt nicht am Ende der ersten Klasse auf dem Gipfel von Mount Stupid, sondern nach acht bzw. neun Jahren intensiven Lernens. Was in jeder anderen Disziplin außer Zweifel steht, wird interessanterweise beim kreativen Schreiben missachtet: Es fällt kein Meister vom Himmel!

In Schreibkarate gibt es sieben Schülergrade (Kyu), welche den Weg vom Träumer zum Verlagsautor unterteilen. In jeder Klasse warten andere Herausforderungen auf den Schreibkarateka, die gemeistert werden wollen. Es macht z. B. keinen Sinn, sich mit den Feinheiten der Exposés zu beschäftigen, wenn man noch nicht die Grundbegriffe des Handwerks wie “show, don’t tell” verinnerlicht hat. Das Erlernen der grundlegenden Kniffe ist die eine Seite der Medaille, ohne die es nicht geht. Die andere Seite, ohne die es auch nicht geht, ist regelmäßiges Schreiben. Denn nur durch regelmäßiges Schreiben wird die eigene Schreibe Zug um Zug besser.

100.000 Wörter

Andreas Eschbach meint auf seiner absolut empfehlenswerten Webseite, dass man 100.000 Wörter für einen schriftstellerischen Quantensprung schreiben muss. Später hat Eschbach diesen Wert jedoch auf eine Million Wörter erhöht. Meiner Meinung nach stimmen die Hunderttausend, wenn man sich im Schreibkarate um einen Schülergrad verbessern will.

Auf jeden Fall bedarf mindestens etwa eine Million Wörter, um Texte zu produzieren, die von Agenturen und größeren Verlagen ernst genommen werden. In Schreibkarate entspricht das dem Schwarzgurt des Schriftstellers.

Das Gürtelsystem der Schreibkarate unterstützt den Besucher dieser Webseite, sich zu orientieren. Die Artikel über das Schreiben erhalten einen Gürtel. Die Farbe zeigt an, für welchen Reifegrad der Artikel am besten geeignet ist. Beispielsweise habe ich beim Artikel über die »Kunst des Krieges für Schriftsteller« einen orangen, einen grünen und einen violetten Gürtel  eingefügt. Ebenso findest du beim Artikel über das Retten einer Katze neben dem Buchbild einen blauen Gürtel.

Auch Goethe war ein Träumer

Jeder erfolgreiche Autor beginnt als Träumer. Eines Tages haben Goethe, Kafka, Eschbach und andere große Namen sich gesagt, dass Sie etwas zu Papier bringen wollen. Damals hatte ihnen kein Lehrer, keine Kommission und kein Verlag feierlich mitgeteilt, dass Sie Talent hätten. Sie machten sich einfach auf den Weg und erlernten Schritt für Schritt das kreative Schreiben und den Umgang mit der Sprache.

Viele träumen davon, einen Roman zu schreiben. Aber nur wenigen gelingt es, das Buch fertig zu stellen. Noch weniger schaffen es in einen guten Verlag.  Wer das eigene Werk in der Buchhandlung finden will, braucht viel Geduld, starke Selbstdisziplin, Kritikfähigkeit und einen langen Atem.

Auf geht’s!

Schauen wir uns an, wie die Reise eines Schreibkaratekas vom Träumer zum Verlagsautor aussieht. In der Unterstufe geht es um das Schreiben, in der Mittelstufe um den Roman als Ganzes und in der Oberstufe um die Verlagssuche.

Die Unterstufe der Schreibkarate

7. Kyu: Träumer

Der Träumer hat keinerlei Schreiberfahrung und meint meistens, dass das Schreiben eines Romans eine leichte und mühelose Angelegenheit ist, sobald die Muse den Autor geküsst hat. Ebenso glauben Träumer und Ahnungslose dem Genialitätsmythos ohne Wenn und Aber: Als geborener Schriftsteller Möchtegernproduziert man die perfekten Texte einfach so über Nacht oder man ist ein Depp, der es nicht kann und es nie können wird. Erzählt man einem Träumer, dass man gerade an einem Roman arbeitet, kommt von ihm meist Folgendes:

“Wenn ich in der Pension Zeit habe, werde ich auch ein Buch schreiben” oder “Hast du schon einen Verlag?”.

Falls Träumer von ihrem Buchprojekt erzählen, berichten sie gerne, dass sie schon 10 oder 20 Seiten geschrieben hätten. Die größte Herausforderung für einen blutigen Anfänger ist es, ins Tun zu kommen und regelmäßig zu schreiben. 

6. Kyu: Anfänger

gelbgurtJede Anfängerin hat jedem Träumer etwas Entscheidendes voraus. Sie schreibt regelmäßig. Sie beschäftigt sich hin und wieder kritisch mit ihren eigenen Texten. Die Anfängerin weiß aus Erfahrung: Wenn Mama den Text gut findet, hat sie kein Problem – nicht mit ihrer Schreibe, sondern mit der Liebe ihrer Mutter. Langsam dämmert es ihr, dass ein Roman nicht einfach aus Einleitung, Hauptteil und Schluss wie ein Schulaufsatz besteht. Die wichtigste Herausforderung einer Anfängerin ist es, sich mit den Grundlagen des kreativen Schreibens zu beschäftigen. Dabei fällt ihr auf, dass bereits ein kurzer Text eine Unmenge an verschiedenen Anforderungen an die Autorin stellt. Ihre Inkompetenz wird ihr schmerzlich bewusst. Selbstzweifel tauchen auf. Eine Mutprobe kommt auf sie zu, der für den weiteren Erfolg kritisch ist: Sich fundierter Kritik  in einer Schreibgruppe zu stellen. Danach wird das »Show don’t tell« zum Mantra, das die Anfängerin dauernd fuchst.

5. Kyu: Fortgeschrittene

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Der Fortgeschrittene hat sich fundierter Kritik außerhalb des Familien -und Freundeskreises gestellt. Der Fortgeschrittene weiß nun, dass er noch sehr viel lernen muss.  Spätestens während dieser Phase freundet sich der künftige Bestsellerautor mit der Idee an, dass kreatives Schreiben in erster Linie Handwerk ist. Dazu gehört es, Schreibratgeber zu lesen und sich intensiv mit den Kniffen und Fallstricken des kreativen Schreibens zu beschäftigen. »Show don’t tell« hört der Fortgeschrittene seltener, während er seine Gehversuche mit Kurzgeschichten macht. In dieser Phase geht es vor allem darum, zu lernen, wie man spannende Szenen verfasst und was sie von schlechten Sequenzen unterscheidet. Dazu gesellen sich die ersten Gehversuche im Verfassen von Kurzgeschichten. Man akzeptiert langsam die Präsenz der üblichen Verdächtigen, die einen Autor zeitlebens begleiten werden:  Schreiben, Lesen, Lernen, Kritik aushalten, Ausdauer und Frustrationstoleranz.

Die Mittelstufe der Schreibkarate

4. Kyu: Schreibschüler

gruengurtDie Schreibschülerin vertieft ihre Fertigkeiten und beherrscht zunehmend das Handwerk. Sie liest Schreibratgeber und beschäftigt sich intensiv mit den Kniffen und Fallstricken des Romanschreibens.  Hin und wieder nimmt sie an einem Schreibseminar eines professionellen Anbieters teil. Zudem besucht sie regelmäßig die Treffen einer Kritikgruppe und verbessert kontinuierlich ihre Schreibe. Langsam werden die Kenntnisse über eine Szene oder eine Kurzgeschichte hinaus ausgedehnt. Nun macht es Sinn, sich mit Begriffen wie der Heldenreise, dem Plot und den Wendepunkten zu beschäftigen. Sie entdeckt, ob sie lieber drauf los schreibt oder die Geschichte plant. Doch in beiden Fällen wird sie sich immer wieder verirren. Das Ziel lautet, so lange zu schreiben, bis sie das magische Wörtchen “Ende” auf die letzte Seite ihres Romans setzen kann. Zugleich beginnt sie sich online und offline mit anderen Autoren zu vernetzen.

3. Kyu: Schreiberling

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Wer einen Roman zu Ende geschrieben hat, ist schon weiter als die meisten. Der Schreiberling darf sich erste Gedanken über das Thema »Verlagssuche« machen und von einer Veröffentlichung träumen. In Wirklichkeit soll er um Himmelswillen keine Agentur und keinen Verlag mit seinem Geschreibsel belästigen.  Das Einsenden einer Rohfassung endet jedoch immer mit einer Enttäuschung und mit Tränen, da Rohtexte immer unter offenen und verdeckten Schwächen leiden. Daher ist es sinnvoll,  die unvermeidbaren Schläge von den Meistern des Fachs auf den entsprechenden Seminaren (z. B. in Wolfenbüttel) abzuholen. Die Herausforderung in dieser Phase der Schreibkarate besteht darin, die Motivation seiner Figuren in seiner Geschichte zu überprüfen. Ebenso muss jede Szene und jede Figur eine Funktion für die Geschichte erfüllen. Die große Herausforderung liegt nun darin, ein stimmiges und stringentes Exposé für seinen Roman zu schreiben. Meist endet dies damit, dass man bemerkt, dass der ganze Roman nochmals massiv umgeschrieben werden muss.

Die Oberstufe der Schreibkarate

2. Kyu: Kandidat

violettgurtDie Kandidatin ist in der Lage, ein stringentes Exposé zu seinem Roman zu verfassen. Sie kann sich ernsthaft bei Verlagen und Agenturen bewerben. Es bestehen erstmals echte, wenn auch geringe Chancen, den Durchbruch zu schaffen. Dennoch rate ich ihr vom Einsenden eines Manuskripts zu diesem Zeitpunkt ab, es sei denn, ein Agent oder Verleger hat sie auf einem Barcamp, einer Konferenz oder einer Buchmesse darum gebeten. In diesem Fall wird wahrscheinlich vier Wochen nach dem magischen Satz Schicken Sie mir eine Leseprobe die ernüchternde Standardabsage mit dem Satz “Leider sind wir nicht von Ihrem Plot zu 100% überzeugt.

Dies hat vor allem damit zu tun, dass das Verfassen eines Exposés weit mehr als das Schreiben einer Inhaltsangabe ist. Man lernt in dieser Phase auf schmerzhafte Weise die offenen Flanken in seinem Exposé kennen. In dieser Zeit wird erstmals klar, warum auch etablierte Autoren das Verfassen dieser Exposés fürchten. Eine harte Nuss ist das Formulieren eines Pitches. Dabei handelt es sich um einen Absatz, der den Roman zusammenfasst und zugleich das Interesse des Verlegers weckt.  Die wichtigste Herausforderung in dieser Zeit ist es, sich für die dunkle Nacht des unveröffentlichten Autors zu wappnen. In dieser Phase der Schreibkarate bedarf es vor allem eines: Geduld, Geduld und nochmals Geduld.

1. Kyu: Spitzenkandidat

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Über die Monate und Jahre während der dunklen Nacht des unveröffentlichten Autors verwandelt sich der Kandidat zum Spitzenkandidaten.  Langsam taucht er auf dem Radar von Verlegern und Agenten auf und sein Name ist in der Verlagswelt nicht mehr völlig unbekannt. Ein Spitzenkandidat schreibt hervorragende, kraftvolle und bewegende Texte und dennoch ist er wie ein Träumer nicht veröffentlicht. Niemand glaubt, dass er es jemals schaffen wird. Viele Spitzenkandidaten sorgen sich zu Tode, ob sie jemals einen Agenten oder Verleger finden werden. Immer wieder hagelt es zum Teil skurrile Absagen wie zum Beispiel, ein Roman könne unmöglich in XY spielen oder niemand könne mit einem bestimmten Thema etwas anfangen. Während man mit aller Kraft nach einem Verlag sucht, sind neue Romankonzepte zu entwickeln. Dabei lernt man die Königsdisziplin: das Projektkonzept.

Agenten und Verlage suchen keine Bücher, sondern hervorragende Schriftsteller. Die dunkle Nacht des unveröffentlichten Autors ist vor der Morgendämmerung am finstersten, doch die gläserne Decke bekommt Sprünge. Irgendwann kommt der historische Tag, wo das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist ein Verleger. Er möchte dein Manuskript kaufen!

Der Durchbruch

1. Dan: Schriftsteller

Schriftstellerin (Schwarzgurt)Die Schriftstellerin hat den Sprung in die Verlagswelt geschafft und gehört zu den veröffentlichten Autorinnen. Dennoch ist sie keine Bestsellerautorin, wie sie es seinerzeit als Träumerin vorgestellt hat. In Wahrheit stellt sich die Realität völlig anders dar: Kein Verlag kann von einem Manuskript sagen, ob es zum Bestseller taugt – er kann auch nur Prognosen darüber anstellen. Jedoch hat sie etwas erreicht, was niemand ihr nehmen kann: Sie hat über den langen Weg vom Möchtegern zur Schriftstellerin einen eigenen, individuellen Stil entwickelt und sie erkennt, dass sie eine Anfängerin ist, welche die Grundlagen des Handwerks beherrscht. Sie schreibt und entwickelt sich kontinuierlich weiter.

Merkt ein Lektor, wo jemand in seiner Entwicklung steht?

Kurze Antwort. Ja. Er merkt es meist an der ersten Seite eines Romans, wie gut ein Text geschrieben ist. Noch viel mehr, er erkennt auf den ersten drei Seiten, ob das vorliegende Manuskript überhaupt etwas taugt. Arrogant? Nein, denn dafür gibt es einige Kriterien, die ich in späteren Artikeln mit Beispielen anführen werde. Die professionelle Lektorin Annette Scholonek hat sich in diesem Gastbeitrag mit den unterschiedlichen Reifegraden von Texten beschäftigt.