Es weinen nicht die Lindenblüten um die Seele dieses Menschen

Aus einem lettischen Volksgedicht

07:10 Uhr

Ein Maunzen zog Sabrina Mara aus der Traumwelt. Die Katze setzte die Massage auf Sabrinas Brust fort.

»Ginger, ich hab doch heute frei«, sagte Sabrina verschlafen zum rotgetigerten Kater und drehte sich um. Zugleich war ihr klar, dass der Versuch, sich die gemütliche Wärme des Schlafes zu erhalten, sinnlos blieb. Das Tier stupste schnurrend die Schnauze gegen ihre Nase. Dann spürte sie den sanften Stoß der Tatze an der Wange.

»Axel.« Sabrina tastete nach ihrem Freund. Ihre Finger gruben sich in das leere Laken. Beim nächsten Gedanken verschwand der Schreck. Ihr Schatz hatte Bereitschaftsdienst im Stützpunkt der Cobra.

Der Stubentiger setzte sich auf ihre Brust, schaute seinem Frauchen in die Augen und zwinkerte. Sie ließ die Hand über den Rücken des Tieres gleiten.

»Gleich gibt es Frühstück, Ginger.« Sabrina richtete sich auf. Sofort sprang die Mieze vom Bett herunter.

Sabrinas Weg führte sie zum Kühlschrank, aus dem sie eine Dose Nassfutter und ein Fläschchen Katzenmilch herausholte.

»Miau.« Die schneeweiße Tonic eilte mit hochgestrecktem Schwanz zu ihrem Bruder in die Küche und schmiegte sich an Sabrinas Beine. Ein Schnurren begleitete das Absetzen des Futters.

Wie würden die Katzen reagieren, wenn sie ein Kind von Axel bekäme? Würde es von ihr die schokobraune Haut erben, die ihr Schatz an ihr so herzig fand? Bei dem Gedanken an den Nachwuchs huschte ein Lächeln über die Lippen.

Handyklingeln störte Sabrinas Ausflug in die Zukunft. Sie eilte in das Schlafzimmer und nahm das Gespräch an.

»Mara, aus dem freien Tag wird heute leider nichts.« Es war Kurt Hutnagl, ihr Vorgesetzter in der Gruppe Leib und Leben im Landeskriminalamt Steiermark.

»Warum?« Sabrina Mara setzte sich an den Bettrand.

»Verbrecher halten sich selten an unseren Dienstplan.« So angespannt hatte sie ihren Chef selten erlebt. »Und schon gar keine Amokläufer. Ich brauche Sie, und zwar sofort.«

»Wo?« Sie kramte in der Schublade des Nachtkästchens nach Notizbuch und den Kugelschreiber.

»Im Bischöflichen Gymnasium! Die Cobra klärt ab. Mara, wo sind Sie gerade?«

»Zu Hause.«

»Dann wird’s Zeit, dass Sie sich auf den Weg machen. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten am Hasnerplatz vor der Pädagogischen Hochschule. Ich warte im Einsatzleitwagen auf Sie

Ein Klicken signalisierte, dass Hutnagl das Telefonat beendet hatte.

Ihre Halsschlagader pochte. Musste Axel auf ein bewaffnetes Kind schießen, um andere zu retten? Natürlich gehörte auch das zu seinem Job, aber so etwas wünschte sie niemandem. Schon gar nicht ihrem Freund.

Sabrina seufzte und erhob sich. Nach einer Katzenwäsche schälte sie sich aus dem Pyjama und schnappte sich eine frische Hose und eine weiße Leinenbluse aus dem Kasten. Vor dem Schrankspiegel justierte sie mit einer Rundbürste die gestern gelegte Wasserwelle nach und verteilte etwas Haar-Gel auf die schwarzen Haare. Auf das Rouge noir auf den Lippen und Mascara auf den Wimpern musste sie verzichten. Ebenso ließ sie das Parfüm links liegen, stattdessen griff sie zum Deo und gönnte sich zur Erfrischung ein paar Spritzer.

Im Flur schlüpfte Sabrina in die Leder-Mokassins. Sie schnappte sich die Handtasche, verstaute Notizheft, Kuli und Smartphone darin und machte sich auf den Weg.

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