Kann man die Reife eines Textes beurteilen?

Ist das überhaupt möglich oder gilt ohnedies nur die Freiheit der Kunst. Woran erkennt man den  Unterscheid zwischen einem schlechten Text und einem hervorragend geschriebenen Buch? Diese Fragen beschäftigen sowohl blutige Anfänger genauso wie erfahrene Autoren. Daher habe ich die Lektorin Annette Scholonek gebeten, über dieses Thema einen Gastartikel zu verfassen.

Annette ScholonekIm Lektorat von Manuskripten hat Frau Scholonek rund zehn Jahre Erfahrung und im kreativen Schreiben noch mehr. Auf die Literatur- und Verlagswelt blickt sie aus verschiedenen Perspektiven. Sie kennt die Sicht des Autors, des Lektors, des Verlegers und des normalen Lesers. Sie ist studierte Germanistin und Soziologin mit Abschlussnote 1,0.

Professionell lektoriert sie Bücher vieler Genres, Romane ebenso wie Sachbücher. Zu den zufriedenen Kunden kann sie auch mich zählen, auch und sogar weil sie sich nicht scheut, Schwächen eines Textes schonungslos aufzuzeigen. Ihre Schwerpunkte in der Belletristik sind Fantasy, Jugendbuch und andere Genres der Phantastik, etwa Vampirromane, Mystery und Science Fiction. Insgesamt konzentriert sie sich auf Unterhaltungsliteratur wie Thriller, Krimi, Liebesroman und Crossovers von Genres. Weiterhin schätzen Kunden ihr Lektorat bei den Biografien und bei anderen Texten.

Bei Interesse an einem Lektorat kann man sich direkt an sie wenden, indem man auf folgende Mailadresse schreibt: professionelles-lektorat@t-online.de

Lassen wir nun Frau Scholonek zu Wort kommen:

Level 1: blutiger/unterdurchschnittlicher Anfänger

Man sieht dem Text bereits auf den ersten Blick an, dass der Schreiber von einer logischen, glaubwürdigen, unterhaltsamen Storyline, in sich schlüssigen Szenen und Charakteren sowie von einem sauberen Stil und Rechtschreibung überhaupt keine Ahnung hat. Es herrscht das reinste Chaos auf vielen Ebenen. Der Autor mag Filme schauen, Videospiele spielen und in Foren herumschreibseln – Bücher hat er mit Sicherheit so gut wie nie gelesen und sein Wissen über Geschichten zieht er aus Filmen, allseits bekannten Geschichten etc. Dennoch hat offenbar auch er das Bedürfnis, unbedingt ein Buch zu schreiben, oder er ist durch irgendwelche „Jeder kann schreiben“-Werbung auf den Geschmack gekommen. Manche dieser Autoren sind noch Kinder/Jugendliche, bei anderen ist Deutsch nicht die Muttersprache und wieder andere sind deutschsprachige Erwachsene, die sich tatsächlich leidenschaftlich am Bücherschreiben versuchen, obwohl sie aus einem eher bildungsfernen Milieu zu kommen scheinen. Noch andere schreiben aufgrund von persönlichen Schicksalsschlägen o. ä. Letztere wissen immerhin, dass sie keine großartigen Künstler sind, aber sie wollen ihre ganz besonderen Erfahrungen in Buchform mit anderen teilen. Einen seriösen Verlag werden diese Autoren garantiert nie finden und der Lektor betreibt hier mitunter mehr Übersetzung und Ghostwriting, um zumindest ein „leserliches Ergebnis“ zu präsentieren. Auf diesem Level fangen viele Autoren aber erst gar nicht an. Viele starten auf Level 2 bis 3 – gerade jüngere (16 bis 35 Jahre). Hingegen starten belesene, ältere Autoren jenseits der 40 bisweilen auf Level 4 oder sogar 5. Ein Lektor hebt das Niveau dieses Textes etwa auf Level 3 bis 4 (nur formell ist der Text dann fehlerfrei).

Level 2: normaler Anfänger

Man merkt auch diesen Texten schnell an, dass der Autor in Sachen Storyline, Stil und Form sehr unsicher ist und eher ausprobiert und zufällig manche Treffer landet, statt Ahnung hat. Mal schreibt er stilistisch zufällig richtig und originell, mal nicht (häufig nicht). Mal ist die Story zufällig logisch, mal nicht. Spannung verwechselt der Autor häufig mit platten Effekten und schon viele Klischees sind für sein Gefühl „originell“ sowie „neu am Markt“. Oder er verliert sich in „netten, trockenen, behäbigen Textblöcken“, in spannungsfreiem Infodump, Rückblenden, Alltagsallerlei und ähnlichen Nebensächlichkeiten, sodass man sich fragt, was der Autor eigentlich erzählen will und ob dies ernsthaft erzählenswert ist. Ersteres tun eher jüngere Autoren (filmische Effekthascherei), Letzteres (behäbiges Alltagsallerlei) eher ältere. Seriöse Verlage werden auch diese Autoren garantiert nicht finden. Dazu fehlt dem Stil und/oder der Story einfach das grundsätzliche Potenzial. Diese Autoren arbeiten oft mit Klischees und Versatzstücken auf Stil- und Inhaltsebene, es ist eine unsensible Erzählweise, wo alles so geschrieben wird, wie es dem Autor spontan in den Kopf kommt. Weder in Originalität noch in Logik punkten sie. Oder die Logik ist zwar da, aber der Text ist nahezu frei von Spannung und Unterhaltungswert. Fasst man Texte von Level 2 zu Exposés zusammen, werden große Schwächen im Handlungskonzept offensichtlich. Dann kommt heraus, wie wenig logisch und wie wenig überzeugend motiviert viele Handlungsabläufe sind bzw. dass Handlungselemente gar nicht plausibel zusammenhängen, von einem überzeugenden Finale ganz zu schweigen. Entweder gibt es dort platte Lösungen oder so etwas wie ein Finale fehlt komplett. Diese Autoren schreiben aus Intuition heraus, von Schreibkursen, Schreibhandwerk etc. haben auch diese Autoren bisher nichts gehört. Ein Lektor hebt das Niveau dieses Textes ca. auf Level 3 bis 5 (nur eben formell ist das Werk dann fehlerfrei).

Level 3: leicht Fortgeschrittener

Diese Autoren machen aufgrund ihrer Allgemeinbildung entweder von Anfang an schon etliches richtig oder fangen gerade an, die ersten Ratschläge von Schreibratgebern umzusetzen. Das Ergebnis sind Storys und ein Sprachstil, wo man sich im Rahmen der noch beschränkten eigenen Fähigkeiten zumindest Mühe gegeben hat, bei der Handlung, den Figuren, dem sprachlichen Ausdruck und der Rechtschreibung möglichst viel richtig zu machen. Auch mittelmäßige Fanfiction hat häufig dieses Niveau. Relativ ungebildete Leser werden diese Autoren vielleicht aufrichtig loben, was für gute, nette Geschichten sie erzählen, und der Stil geht für sie auch in Ordnung. Treten diese Autoren dann in Fachkreise ein, wird ihr Text trotzdem „auseinandergenommen“. Auf den ersten Blick mag der Text halbwegs solide gewirkt haben, aber in der Summe und bei einem schärferen Blick gibt es einfach zu viele Stellen, wo trotzdem Schwächen aller Art bestehen. Analytikern und belesenen Lesern fallen sie schnell auf. Die leicht Fortgeschrittenen staunen dann, worauf man noch alles achten kann und dass sie noch nicht so weit sind, wie sie dachten. Abgesehen von einer mittelmäßigen Menge an echten Schwächen in Story, Stil und Form haben Texte von Level 3 oft das Grundproblem, dass bei Story und Stil das gewisse Etwas fehlt, das Potenzial, die Originalität. Man merkt, dass die Autoren zwar auf „einfache Art“ solide erzählen können, zweifelt aber als Lektor daran, dass diese Autoren es jemals über dieses Niveau hinausschaffen und das Geheimnis ergründen, was einen 08/15-Text von einem hochwertigen Text unterscheidet. Etliche Autoren tüfteln, rätseln, überarbeiten und hören sich diverse Kritiken an und kommen doch nie über Level 3 hinaus. Ein guter Lektor kann den Stil und die Story durch viel Einsatz auf die Qualität von Level 4 bis 5,5 bringen (wobei es auch darauf ankommt, was das Grundkonzept von einem konkreten Manuskript möglich macht). Ein mäßiger Lektor wird den Text zwar fehlerfrei und den Ausdruck stilistisch sauber machen, aber in Sachen Spannung, Unterhaltungswert, optimaler Struktur, flüssiger Lesbarkeit und insbesondere bei der stilistischen Originalität und Professionalität wird er den Text auf Level 3 belassen. Dies ist eine sehr einfache Stilebene, kombiniert mit einer schon oft da gewesenen Storyline. Typisch für Level 3 sind etwa Beschreibungen wie: „Sie hat braunes Haar, ihre Augen sind blau.“ – Das ist zwar sauber formuliert, aber frei von jeglicher Raffinesse (und nach diesem Schema ist dann das ganze Manuskript, zwar formell recht ordentlich, aber ohne einen Hauch von Einfallsreichtum). Ähnlich sieht es mit den Storys selber aus, die oft platte Kopien von Bestsellern sind, etwa „Herr der Ringe“. Sosehr sich diese Autoren auch abmühen und hier und da etwas an ihren Texten verbessern, bei Verlagen haben sie als unbekannte Autoren mit solchen Konzepten so gut wie keine Chance und bei Agenturen und großen Verlagen erst recht nicht. Dazu ist die Qualität zu gering und die Konkurrenz einfach zu groß. Gerade als Exposé zusammengefasst fällt auf, dass diese Storys schon oft existieren – und zwar von Profis oft in weit besserer Form erzählt. In Exposés von Level-3-Autoren fallen ähnliche Schwäche wie bei Level-2-Autoren auf, zwar weniger stark, aber immer noch stark genug, um die Fachwelt nicht täuschen zu können. Manches kann man im Exposé allenfalls kaschieren und durch sprachliche Kniffe überzeugender darstellen, als es ist.

Level 4: Fortgeschrittener

Diese Autoren entwickeln inhaltlich gesehen ähnliche Storys wie die Autoren von Level 3, leisten sich aber deutlich weniger von all diesen kleineren und größeren Fehlern aller Art. Der Effekt davon ist, dass diese Manuskripte für den Lektor auf den ersten Blick so aussehen, als seien sie – von „den üblichen“ kleineren stilistischen und formellen Schnitzern abgesehen – fehlerfrei. Der Sprachstil und die Erzählweise sind zwar nicht „genial“, aber ordentlich genug und mit ein wenig zweckdienlicher Originalität versehen. Ab Level 4 merkt ein Lektor, dass der Autor ernsthaft Ahnung vom Schreiben hat. Er weiß, wie man etwas stilistisch formulieren muss, damit es „richtig“ ist und der Text sich recht fließend liest. Ebenso kennt der Lektor eine gewisse Sensibilität, was die Gestaltung von Figuren und Handlung betrifft. Entweder hat der Autor schon viel geübt oder aufgrund seines Berufes und seiner Allgemeinbildung sowie dem Lesen von diversen Büchern schon vieles richtig gemacht. Er bemüht sich um einen flüssigen Stil und auch darum, ansprechend zu erzählen. Die Storys gestaltet er so, dass weitgehend logische Geschichten entstehen. Der Autor ist nahezu sicher im Schreibhandwerk, kennt die gängigen Rezepte für Stil und Story und wendet sie an. Ab Level 4 kann ein Autor sich zumindest Hoffnungen machen, für sein Manuskript einen seriösen Verlag zu finden. Diese Autoren schreiben zumindest schreibhandwerklich betrachtet hinreichend lesenswerte Bücher. Nach dem Lektorat ist hier qualitätsmäßig gesehen kaum zu unterscheiden, ob hier ein unbekannter Selfpublisher oder ein 08/15-Verlagsautor geschrieben hat. Selbst für belesene Leser ist es ein „ganz normales Buch“. Level-4-Autoren haben aber folgende Probleme: Erstens sind sie in unserer heutigen Zeit mit ihrem Talent nicht alleine. Auch viele andere Autoren schaffen Level 4 und entsprechend viele Manuskripte dieser (relativ hohen) Qualität landen auf Verlagstischen. Zweitens sind viele Geschichten von der Sorte „ganz nett, aber nicht großartig“. Das reicht einfach nicht, um in der Masse deutlich gesehen zu werden – es sei denn, man hat gerade viel Glück. Level-4-Storys sind zwar genügend ansprechend geschrieben, um zu unterhalten, aber es fehlt das gewisse Etwas an Spannung und Originalität. Oft sind die Geschichten schon oft da gewesen und bereits vielfach kopiert worden. Level-4-Autoren erzählen höchstens gleich gut wie ihre Vorbilder. Daher stellt sich bei Level-4-Manuskripten häufig die Frage: „Warum sollte man von xx Büchern ausgerechnet dieses kaufen, lesen oder verlegen? Wo ist das entscheidende Plus gegenüber der Konkurrenz?“ Etablierte und berühmte Autoren werden mit Level-4-Manuskripten bisweilen durchkommen. Unbekannte Autoren müssen oft bessere Qualität bieten, wenn sie von Verlagen gesehen werden wollen. Bei Level-4-Manuskripten fehlt häufig von allem etwas, was auch im Exposé deutlich wird: Die Handlung ist zwar im Kern logisch, aber: etwas zu kompliziert, etwas zu konstruiert, am Rande der Glaubwürdigkeit, zu ruhig, zu wenig spannend, zu wenig konfliktreich, das Ende zu offen … Und die Figuren sind zwar plausibel, aber: Sie könnten mehr Tiefe haben, sie könnten noch aktiver handeln, noch etwas mehr Emotionen zeigen, etwas schneller zur Sache kommen, in Dialogen mehr Charme versprühen … Und die Beschreibungen des Settings sind zwar angemessen, aber sie könnten: noch etwas mehr Kreativität haben, noch etwas authentischer sein … Auch der Stil ist zwar gut, aber: Er hat keinen Wiedererkennungswert, der Wortschatz ist etwas schmal, die Sprache insgesamt etwas zu einfach, etwas zu trocken … Alles in allem gibt es also viel „könnte“. Es könnte von vielen etwas mehr sein. Und nicht zuletzt: Das Konzept und die Thematik könnten noch deutlich markttauglicher sein. Werke von Level 4 wirken nicht wirklich bestsellerverdächtig, sondern nur wie Mittelfeldspieler, wenngleich manche trotzdem zu Bestsellern werden. Ein Lektor kann dabei helfen, ein Werk von Level 4 auf Level 5 oder 6 zu erhöhen. Ebenso kann er mögliche Gründe aufdecken, warum es bei diesen auf den ersten Blick gut geschriebenen Büchern doch nicht für einen Verlagsplatz reicht. Dennoch hinterlassen diese Autoren bei Verlagen (jedenfalls die stärker fortgeschrittenen) einen guten Eindruck.

Level 5: Profi

Autoren von Level 5 haben den Dreh endgültig raus: Sie wissen nicht nur, wie man „ordentlich“ erzählt (also brav seine literarischen Hausaufgaben macht), sondern auch, wie man Spannung und Erwartung auf intelligente/hochwertige (!) Art erzeugt und den Leser mit Kniffen gezielt unterhält. Stilistisch sind sie nicht nur sicher, sondern auch einfallsreich, und sie können mit Worten jonglieren. Diese Autoren kennen die gängigen Synonyme für ordentlich Abwechslung im Wortschatz und haben die Feinheiten des Satzbaus entschlüsselt, sodass sie stets fließend und leicht verständlich schreiben, ohne dabei zeitweilig in gewisse Schemata, Wiederholungen und Eintönigkeit zu verfallen, wie dies bei Level-4-Autoren noch vorkommen kann. Das merkt man bei den letztgenannten Schreibern oft erst nach längerem Lesen. Da sieht man die Grenzen der Level-4-Autoren im Ausdruck, im Spannungsbogen, im Humor etc., die Level-5-Autoren zu überwinden wissen. Ab Level 5 lässt sich eine Geschichte für gewöhnlich so überzeugend im Exposé zusammenfassen, dass sie sich im Exposé nicht nur logisch und glaubwürdig präsentiert, sondern auch spannend und bemerkenswert gut strukturiert erscheint, ohne kompliziert oder konstruiert zu wirken. Bei Profis hat die Handlung ein gutes Tempo, ohne dass Figuren und Setting auf der Strecke bleiben, und nicht zuletzt: Die Autoren wirken thematisch nahezu sattelfest in der Materie. Das ist bei Level-4-Autoren noch weniger der Fall. Wenn Level-5-Autoren von einem Fachgebiet wie zum Beispiel Robotern schreiben, dann muten die Texte so an, als ob die Autoren wissen, worüber sie schreiben. Wo Level-4-Autoren sich lieber vorsichtig vage-abstrakt halten, werden Level-5-Autoren konkret. Das gilt auch für die Beschreibungen von Liebeszenen, Action-Gefechten etc. Ein Indiz für das Niveau 4,5 bis 5 ist es, wenn Autoren von einigen Verlagen und Agenturen nicht mehr bloße Standardabsagen erhalten, sondern entweder individuell begründete Absagen erhalten oder wenn mancher Verlag nach Prüfung von Exposé und Leseprobe zumindest das ganze Manuskript anfordert. Bekommt ein Lektor eine Leseprobe von einem Level-5-Autor, sieht er sehr schnell, dass hier ein Profi schreibt, der zumindest stilistisch locker an das Niveau von Verlagsbüchern heranreicht oder dieses teilweise überbietet. Ein scharfsinniger Lektor kann dennoch hier und da kleinere Schwächen im Stil und auch in der Handlung finden. Mitunter macht ein solcher Autor es sich hier und da etwas zu leicht, löst einen Konflikt etwas zu schnell oder etwas zu billig auf, hält den Spannungsbogen etwas zu kurz aufrecht oder die Figuren handeln/reden nicht immer zu 100 Prozent gemäß ihrem Charakter – und ähnliche Dinge. Nach dem Lektorat kann ein Level-5-Text noch deutlich besser und „perfekter“ sein, wobei der Lektor selbst einen solchen Text eher nicht auf Level 6 heben wird (dieses Niveau muss der Autor in der Regel selbst mitbringen), allenfalls auf 5,5. Gerade auf den sagenhaften zweiten oder dritten Blick fallen doch einige Dinge auf, wo der Autor nachbessern könnte oder wo noch ungenutztes Potenzial ist. Manche dieser Schwächen können trotz allem entscheidende Faktoren sein, gerade beim Thema Verlagszusage/-absage, aber die Beseitigung vieler Schwachpunkte ist eher optional und das Buch käme auch mit ihnen bei vielen Lesern gut weg.

Level 6: Vollprofi

Level-6-Autoren mögen ihre individuellen Schwächen und Macken haben, aber in den wirklich wichtigen Punkten überbieten sie oft den Lektor. So kennen sie nicht nur die gängigen Spannungs- und Orginalitätsrezepte der Level-5-Autoren, sondern sie haben auch einen bemerkenswert großen Wortschatz und bemerkenswert umfangreiche Recherchekenntnisse bzw. Welterfahrung, die man sich kaum systematisch antrainieren kann. Sie wissen noch besser mit Worten zu jonglieren als Level-5-Autoren, zum Beispiel weil sie ihren Text nicht nur mit gängigen Synonym-Spielen ausschmücken, sondern auch mit einer kreativ-journalistischen, individuellen Originalität. Diese Autoren haben einen hohen Wiedererkennungswert. Man kann das literarische Schreiben bis zu Level 4 systematisch üben, wenn man halbwegs begabt ist, und es mit genügend literarisch-sprachlicher Intelligenz auch bis zu Level 5 schaffen. Aber die Tiefe, Sicherheit und Authentizität von Vollprofis wird man so kaum erreichen. Level-6-Autoren schaffen es auf ihre ganz besondere, eigene, authentische Art, Atmosphäre in einem Roman zu erzeugen, und haben bisweilen tiefgreifende Kenntnisse auf romanrelevanten Fachgebieten. Dass ihre Geschichten in Exposés überzeugen, versteht sich von selbst. Da folgt alles für gewöhnlich schlüssig Schlag auf Schlag und auch das Finale samt Auflösung des Konfliktes ist beeindruckend. Nicht jeder Bestseller-Autor ist ein Vollprofi, aber gerade Klassiker reichen an diese Stufe heran. Oft sind Autoren auch nicht in allen Dimensionen Vollprofis. Sehr viel häufiger ist der Fall, dass ein Autor entweder stilistisch oder im Spannungsbogen oder in authentischer Figurengestaltung oder in Recherche oder in Fantasie/Vision ein Vollprofi ist, aber nicht in allem gleichzeitig. Und dann gibt es noch Vollprofis in dem Sinne, dass ein Autor praktisch immer weiß, welchen Romanstoff er wählen muss und wie er ihn präsentieren muss, um fast immer einen Verlagsvertrag zu erhalten oder seine Bücher als Selfpublisher zu verkaufen. Das Ergebnis mag für Laien nur wie ein Level-4-Buch aussehen, aber es sind die vielen feinen Unterschiede, warum das eine Werk angenommen wurde und das andere nicht. Vollprofis haben einfach das gewisse Etwas, sie wissen den Nerv der Zeit und des Marktes herausragend gut zu treffen und sind quasi immer zur richtigen Zeit mit dem richtigen Buch am richtigen Ort. Natürlich hängt es auch sehr von der Werbung ab, wie gut ein Buch sich verkauft, aber dieses gewisse Etwas spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Und das ist der Unterschied zu den Level-5-Autoren. Level-6-Autoren sind praktisch per Definition erfolgreich. Manche Level-5-Autoren haben zwar den Dreh raus, wie man literarisch hochwertig und wirklich spannend schreibt (objektiv betrachtet), aber Level-6-Autoren wissen besser, wie man den Leser wirklich anspricht und mitreißt.

Lektorin Annette Scholonek

www.professionelles-lektorat.de

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