Reicht Ihr Atem für einen Roman?Reicht Dein Atem für einen Roman?

Einen Roman zu schreiben und ihn in einem Verlag zu veröffentlichen, gleicht einem Marathon. Meistens reicht der Atem für einen Roman nicht. Es ist nichts für Feiglinge, die schnell und mühelos auf den Bestsellerlisten landen wollen.

Neben der schlechten Nachricht (und dieser Artikel ist leider voll davon) gibt es auch eine gute: Das erfolgreiche Meistern einer Fähigkeit ist für alle möglich – dafür brauchst du kein von Kindergartentanten, Volksschullehrern und Gymnasialprofessoren bestätigtes Supertalent. Du musst auch nicht mit Sieben mit dem Schreiben und Dichten begonnen haben, um darin erfolgreich zu sein.

Jedoch erfordert der Weg zur Meisterschaft des Schreibkarate fünf wesentliche Dinge:

1.) Ausdauer

Ausdauer ist der lange Atem für einen Roman. Schaffst du es, ein Buch fertig zu schreiben oder gibst du nach zwei Seiten auf, weil es halt doch nicht das geniale Meisterwerk wird und dir die Ideen ausgehen? Kein Fahranfänger erwartet sich, nach bereits zwei Fahrstunden nach beim Grand Prix in der Formel -1 ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen. Wieso soll es dann ausgerechnet beim kreativen Schreiben funktionieren?

Es klingt nicht sonderlich sexy, dass der Weg zur Meisterschaft mindestens fünf Jahre harte Arbeit erfordert. Wie Andreas Eschbach vor Jahren festgestellt hat, bedarf es gut 100.000 Wörter, um eine Stufe weiter zu kommen. Rechne also mit 100.000 geschriebenen Wörtern, um z. B. vom Weißgurt zum Gelbgurt zu kommen. Danach musst du für jede Stufe weitere 100.000 Wörtern schreiben. Kalkuliere mit einer Million Wörter, bis du verlagstaugliche Texte schreibst.  Der Weg zur erfolgreichen Veröffentlichung in einem Verlag ist verdammt lang, steinig und schwer.

Akzeptierst du, dass du regelmäßig schreiben musst, um auf diese Zahlen zu kommen?

2.) Mit Frust umgehen

Kreatives Schreiben ist ein sehr frustrierender Weg.  Es beginnt damit, dass jeder dich wegen des vorherrschenden Genialitätsmythos müde belächelt. Es wird zum ersehnten Durchbruch wesentlich länger dauern als du jemals glaubst. Du wirst immer wieder gefragt werden, wie es denn deinem Buch so geht. Ob du jemals damit fertig wirst und wann es denn endlich bei Heyne erscheint. Während du dich langsam weiterentwickelst, bleibt deine Umgebung auf dem Level der ahnungslosen Träumer stehen. Du wirst lernen, mit subtiler und offener Geringschätzung umzugehen. Dies ist zugleich eine gute Übung, denn kein Buch auf der Welt hat nur Fans. Auch hervorragende Werke wie “eine Billion Dollar” von Andreas Eschbach ernten viel unberechtigte und beleidigende Kritik.

Bist du bereit, das alles auszuhalten?

3.) Kritikfähigkeit

Kannst du Kritik ertragen? Haltest du den Schmerz aus, wenn dein Text von anderen nicht total gelobt wird. In guten Kritikgruppen werden Texte hart rangenommen. Das Gleiche erlebst du in guten Seminaren. Hier liegt die Kunst darin, sich die Kritik still anzuhören und dem Impuls zu widerstehen, das Geschriebene zu rechtfertigen. An der Bundesakademie in Wolfenbüttel ist es in diesen Runden nicht mal erlaubt, einen Pieps von sich zu geben, wenn die anderen Teilnehmer über deine Geschichte reden.

Also kein  »Nun, das habe ich aber so gemeint.«

Im Buchgeschäft hat der Autor diese Möglichkeit auch nicht. Es zählt, was geschrieben steht und nicht das, was du gerne mitteilen hast wollen.

Du lernst, dass es zwei unterschiedliche Dinge gibt: Dich und deinen Text. Wie Stefan Ulrich Mayer es in den Basiskursen der Bundesakademie in Wolfenbüttel so schön ausdrückt: Ich bin hart zum Text, aber lieb zur Person.

Bejahst du den Schmerz, den die Textarbeit mit sich bringt?

4.) Die Kunst, Stagnation auf einem unbefriedigenden Niveau auszuhalten.

So lernst du, die Meinungen der Leser und professioneller Lektoren anzunehmen und deine Schreibe kontinuierlich zu verbessern. Dadurch überwindest du die Blindheit des Weißgurts und du beginnst, Lehrer zu suchen. Wenn du regelmäßig schreibst, 100.000 Wörter schaffst und den Schritt  in die Kritikgruppe wagst, hast du die erste Hürde genommen: Du bist kein Träumer mehr! Aus dir ist ein Anfänger geworden, der sich dem kreativen Schreiben ernsthaft widmet und der seinen Atem für einen Roman trainiert.

Show don’t tell!

Anfangs funktioniert der Text nicht so, wie du es dir wünscht. Du bemerkst,  dass du oft etwas anderes schreibst, als du meinst und darüber hinaus der Leser den Text nicht versteht. Bei jedem Besuch der Kritikgruppe hörst du laufend die gleiche Kritik.  Öde, aber leider Realität. Du kriegst das Gefühl, dass du einfach zu dumm ist, es zu begreifen, was die Gruppe mit dem Gassenhauer show, don’t tell meint. Dabei hast du dich intensiv bemüht und dennoch hörst du diese Worte immer wieder: Zeigen, nicht einfach behaupten. Erst nach längerer Zeit hörst du diesen Spruch nicht mehr. Dann liegt ein Quantensprung hinter dir. Du gehörst nun zu den Fortgeschrittenen.

Figuren und Szenen

Doch dann tun sich nur neue Probleme auf. Entweder gestaltet sich die Szene zu einer flachen Aneinanderreihung von Sätzen, welche die Handlung keineswegs vorantreibt oder die Figuren handeln darin schlichtweg unlogisch. Es kommt nicht so selten vor, dass zum Beispiel ein schüchterner Mann urplötzlich einfach so zum Frauenheld wird oder dass dem Kommissar einfach so das nächste Indiz im Vorbeigehen geliefert wird. In manchen Szenen hast du es mit dem Setting übertrieben und jeden Murks beschrieben. Auf der anderen Seite gibt es Szenen, wo man nur erfährt, dass es halt in New York spielt. Abermals dauert es viele geschriebene Szenen, bis du das richtige Gespür dafür entwickelst.

Plot und Exposé

Endlich, so glaubst du, hast du das Rüstzeug für einen ganzen Roman, doch dem ist leider nicht so. Du bist gerade auf der Stufe eines Schreibschülers angekommen. In dieser Liga kämpfst du mit dem Plot. Bis du weißt, was, wann und an welcher Stelle im Roman spielen soll, fließt abermals viel Wasser die Mur runter. Immer wieder bemerkst du, wie komplex die Anforderungen an einem Roman sind. Die Figuren müssen laufend logisch handeln und zugleich muss sich die Geschichte wie aus einem Guss anfühlen. Endlich kommst du nach längerem Ringen an das Ziel: Dein Atem für einen Roman hat gereicht und du kannst nun das magische Wort ENDE auf deine letzte Seite schreiben.

Als Schreiberling macht man sich erstmals an die Arbeit, ein Exposé zu verfassen. Du glaubst am Anfang, dass es nur eine Inhaltsangabe ist. Später kommt dir in den Sinn, dass das Zusammenfassen eines Romans auf drei Normseiten auch etablierten Autoren Schweißperlen auf die Stirn treiben muss. Meistens kommst du beim Versuch, ein Exposé zu deinem Roman zu schreiben, drauf, dass du noch viele logische Schwächen in deinem Werk hast und einige Szenen fehlen. Meistens kommst du dann dahinter, dass du das Ganze neu schreiben musst, damit du überhaupt ein sauberes Exposé hinkriegst. Wenn du dein Exposé mit kompetenten Exposé-Kritikern wie Hans-Peter Röntgen durchgehst, kommst du dahinter, warum das Verfassen von Exposés auch bei etablierten Autoren verhasst ist. Nicht, weil man einen 200 bis 400 Seiten langen Roman auf 3 Normseiten zusammenzufassen muss. Sondern weil bei einem Exposé jedes Wort auf der Goldwaage liegt und es zu einer extrem nervtötenden i-Punkt-Reiterei ausartet. Du wirst dabei immer wieder mit den offenen Flanken in deiner Geschichte konfrontiert. Dieses Feuer verwandelt den Schreiberling zu einem Kandidaten und in weiterer Folge zu einem Spitzenkandidaten.

Verlagssuche

Schließlich garantiert das alles weder einen Agenten noch einen Verlagsvertrag. Sowohl die Suche nach einem geeigneten Agenten als auch die Verlagssuche führt zu einer Serie von bitteren Absagen. Oft steckt man teils skurrile Absagen ein, wie die, dass ein Psychothriller nicht in Deutschland spielen darf, oder dass sich niemand für Zauberer interessiere, oder dass keiner etwas mit  einem drohenden christlichen Gottesstaat anfangen könne. Da ein Verleger mit einem Buch ein großes Risiko eingeht, wirst du solche und ähnliche Ablehnungen erleben wie das Amen in der Kirche. Wenn dir das passiert, bist du auf der anderen Seite schon sehr weit. Meist kommt entweder gar keine Absage oder ein Standardtext, wie dass das Buch nicht in das Programm des jeweiligen Verlages passt.

Winston Churchill bezeichnete den Erfolg als die Fähigkeit, von einem Misserfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren. Schaffst du das?

Gratulation!

Wer zäh genug ist, schafft es. Irgendwann findet man einen Verleger, der sich über dein Buch drüber traut. Sobald das Buch in der Buchhandlung zu finden ist, werden jene, die dich bisher müde belächelt haben, dir erzählen, sie hätten es immer schon gewusst. Dann wirst du derjenige sein, der sie müde belächelt. Denn du hast gezeigt, dass dein Atem für einen Roman gereicht hat.

Wenn du diesen Artikel bis zum Schluss durchgelesen hast, gratuliere ich dir von Herzen. Du hast gezeigt, dass dir dieses Thema wichtig ist. Sonst hättest du es nicht bisher durchgehalten. Sonst hättest du die unangenehmen Wahrheiten nicht geschluckt. Wenn du jetzt noch immer einen Roman schreiben willst, dann gehe ich davon aus, dass dein Atem für einen Roman reichen wird.

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