Beim Träumer liegt der Schnee auf der Landschaft

Beim Träumer liegt der Schnee auf der Landschaft

Der Geist eines Träumers gleicht einem Acker in tief verschneiter Gegend. Es macht absolut keinen Sinn, auf so einem Feld zu säen, denn jedes Samenkorn wäre dem Verderben geweiht. Dennoch gibt es Träumer, die mitten im Winter eine Saat ausbringen und die Hoffnung hegen, nach wenigen Wochen die reiche Ernte von einem blühenden Acker einzufahren.

Der Träumer

Der Schnee liegt auf der Landschaft, der Lehrer sieht die Schüler nicht, der Schüler sieht die Lehrer nicht.

Absurd?

Im Bereich des Verfassens kreativer Texte ist dieser Glaube sehr weit verbreitet: Das Christkind, das zu Weihnachten die Geschenke verstreut, heißt Muse. Die Bescherung nennt der ahnungslose Träumer den Kuss derselben. Die Aussaat auf dem hartgefrorenen Acker tauft er »Roman schreiben und das Einbilden eines blühenden Feldes bezeichnet der Träumer “das Buch einschicken.” Meist erwartet sich der Träumer, dass der Verlag händeringend auf sein Manuskript gewartet hat und er kurz darauf sich auf den Bestsellerlisten findet.

Man stelle sich vor, jemand hätte keinerlei Erfahrung im Fußball. Nachdem er ein tolles Match von Bayern München gesehen hat, meint er, dass er ganz locker bei einem Bundesligaclub einsteigen kann. Was glaubt ihr, würde der Trainer diesem Träumer erzählen? Im besten Fall wird er ihm höflich erklären, dass jeder Bundesligaprofi viele Jahre harten Trainings hinter sich hat!

Woran liegt es aber, dass der Hausverstand, dass kein Meister vom Himmel fällt, gerade hier derart versagt? Woran liegt es, dass der Träumer seine Lehrer nicht sieht?

Der Mythos vom Genie

Diese Legende besagt, dass es geborene Schriftsteller gibt, die ihre Schriftstücke über Nacht aus dem Ärmel schütteln. Entweder ist man ein solches Genie oder eben halt ein Durchschnittsmensch, der es nicht kann und nie können wird. Um eine Geschichte zu Papier zu bringen, muss zuvor die Muse einen Künstler küssen. Wenn es um das Schreiben geht, pflegen die Träumer meist zwei unterschiedliche Glaubenssätze:

  • Mich hat gerade die Muse geküsst und jetzt habe ich die absolut geniale Idee. Das wird ein total neuartiges Buch, das die Genres in genialer Weise vermischen wird. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich meinen Roman. Sobald er fertig ist, werde ich ihn einschicken.  Im Verlag warten sie bereits auf das Manuskript und es wird bestimmt zum Bestseller avancieren. (Träumer vom Typ A)
  • Oje, in Deutsch war ich aber leider nicht so gut. Schon der Gedanke an ein Gespräch mit einem Lektor oder einem Verleger verursacht bei mir alle Zustände. Mit einem Goethe, Franz Kafka oder einem Thomas Mann werde ich es niemals aufnehmen können. Ich kann es gleich bleiben lassen – nie wird ein Verlagshaus sich mit meinem Werk beschäftigen. (Träumer vom Typ B)

Beide Vorstellungen haben nichts mit der Realität zu tun. Dan Brown, Andreas Eschbach, Sebastian Fitzek, Thomas Mann, Franz Kafka, Johann Wolfgang von Goethe und all die anderen sind nicht als Genies geboren worden. Sie haben genau wie du als Träumer begonnen. Sie  hatten von der Schriftstellerei wenig bis keine Ahnung und mussten es sich über Versuch und Irrtum beibringen. Im digitalen Zeitalter sind wir jedoch in der Lage, aus ihren Erfahrungen zu lernen. Nun stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Träumer keine Lehrer suchen.

Der Träumer und seine unbewusste Inkompetenz

Typ A ist dermaßen von sich überzeugt, sodass er glaubt, keine Lehrer zu brauchen.

Typ B  glaubt, dass man kreatives Schreiben nicht lernen kann und es daher keine seriösen Lehrer geben kann.

Sowohl Typ A als auch Typ B sind überzeugt davon, dass das Lesen anderer Autoren nicht nur nichts bringt, sondern den Fluss der Kreativität stört und zerstört.

Diese Ansicht ist so unsinnig wie die Behauptung, man könne mit dem Einreiben von Zitronensaft unsichtbar werden. Der Bankräuber McArthur Wheeler verzichtete bei seinen Banküberfällen auf jegliche Maskierung. Auf Grund der in den Filialen installierten Kameras wurde er rasch überführt. In seiner Einvernahme sagte er verwundert zur Polizei, er habe sein Gesicht extra mit Zitronensaft eingerieben. Er war der festen Überzeugung, dass wenn Zitronensaft als Geheimtinte tauge, sie ihn auch für die Videokameras unsichtbar machen würde.

Es gibt auch andere klassische Beispiele für den Dunning-Krüger-Effekt: Beim Fußball halten sich viele für taktisch klüger als der verantwortliche Trainer der Lieblingsmannschaft. In der Politik halten sich viele für weiser als die verantwortlichen Parlamentarier. Diese Denkfehler kommen zustande, da viele nicht wissen, dass sie ein Fachgebiet nicht beherrschen. Auch der Träumer ist sich seiner Inkompetenz nicht bewusst.

Schön, aber was ist zu tun, wenn ich ein Träumer bin?

Zuerst möchte ich dir gratulieren. Du hast diesen Text bis hierher durchgehalten und unangenehme Wahrheiten ertragen. Du hast die erste Prüfung bereits bestanden. In Schreibkarate ist dies die Bereitschaft, den weißen Gurt zu tragen. Du hast dir eingestanden, dass du am Anfang einer langen Reise stehst. In der Unterstufe geht es vor allem darum, das Handwerk zu erlernen. Besuche Schreibklassen auf der Volkshochschule, werde Mitglied in einer Kritikgruppe, lies Schreibratgeber und Bücher aus deinem Lieblingsgenre.

Und nun das Allerwichtigste: Schreib! Schreib regelmäßig! Schreibe mindestens an sechs Tagen in der Woche!

Versuche keine Abkürzungen. Sie funktionieren nicht! Du wirst nicht schneller sein, wenn du versuchst, innerhalb eines halben Jahres Spitzenkandidat zu werden. Rechne lieber mit mindestens einem halben Jahr für jede Stufe. Ein wesentliches Element der Schreibkarate ist die Geduld! Und ohne permanentes Schreiben geht gar nichts. Nur durchs Schreiben schafft man den Weg zum veröffentlichten Autor und darüber hinaus.

Die erste Aufgabe

Sie lautet:

    • Lesen Sie mindestens 10 Seiten jeden Tag aus Romanen.
    • Bringen Sie jedenfalls 100 Wörter pro Tag zu Papier

Die ersten Hindernisse tauchen bald auf. Meist kommt man nicht dazu. Es gibt immer etwas Dringenderes, das die Aufmerksamkeit erfordert. Hier gilt es zu hinterfragen, ob man den Traum wirklich leben will. Um dies zu prüfen, verweise ich auf die Hundred-Day-Challenge.

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