Todesritter auf der Flucht 

07:10 Der Todesritter ergreift die Flucht

Das war knapp für den Todesritter gewesen, so richtig knapp.

Er hatte es gerade noch nach draußen geschafft, als es geknallt hatte. Die mächtige Eichentür am alten Haupteingang hatte zwar gezittert, jedoch hatte sie der Druckwelle standgehalten. Kein einziger Splitter war auf die Grabenstraße geflogen. Niemand hatte die Explosion bemerkt. Die Autos waren so wie an jedem Tag gefahren.

Trotzdem hatte der Todesritter weggemusst.

So schnell wie möglich.

Martinshörner. Bald hätte es von Bullen gewimmelt. Gleich wären sie in der Kreuzgasse aufgetaucht. Wenn er sich nicht aus dem Staub gemacht hätte, wäre er ihnen aufgefallen.

Die Polizeisirenen waren näher gekommen.

Er war höchste Zeit gewesen.

Losgestürmt war er über den Zebrastreifen.

Da hatte der Todesritter seinem Instinkt vertraut.

Rechts hatte sich ihm ein Schlupfloch geboten. Er hatte nur den Fuß auf das Grundstück des Nachbargymnasiums in der Kirchengasse gesetzt, um der Gefahrenzone zu entkommen. Er war über den Parkplatz jener Schule auf die andere Seite gehuscht. Dort war er am Eingangstor stehen geblieben und hatte auf die Bergmanngasse gespäht.

Rasende Streifenwagen.

Blaulicht.

Martinshörner.

Ein schwarzes Ungetüm, eine Mischung aus Auto, Laster und Rammbock war an ihm vorbeigeprescht. Aus dem Dach waren zwei Köpfe in Sturmhaube und Einsatzhelm hervorgeragt.

Cobra, übernehmen Sie.

Bei dem Gedanken musste der Todesritter grinsen.

Sie hatten ihn keines Blickes gewürdigt.

Er hatte es geschafft. Es war nach Plan gelaufen.

Der Todesritter hatte die Verkehrsader überquert, war einige Straßenzüge weiter gewieselt, bis das Jugendstilhaus am Ende der Grillparzerstraße aufgetaucht war. Das Eingangsgatter im Maschendrahtzaun hatte sich noch nie so leicht öffnen lassen wie heute. Es hatte nicht einmal gequietscht. Ein Zeichen, dass er den Sand im Getriebe seines Lebens beseitigt hatte.

Beschwingt hatte er die Haustür aufgesperrt, war in das Hochparterre geeilt und von dort aus über die Wendeltreppe in den zweiten Stock hochgerannt. Endlich hatte er die Tür hinter sich versperren können. Fürs Erste war der Todesritter in sicheren Gefilden angekommen.

Im Flur seiner Wohnung sah er im Spiegel die Schweißperlen im Gesicht. Die Haare fielen ihm chaotisch in die Stirn. Der Schweiß hatte dunkle Flecken auf dem T-Shirt hinterlassen. Auch die Hose hatte die Mission nicht unbeschadet überstanden. Aber das war jetzt egal.

Er schaltete den Radiowecker auf der Kommode ein. Antenne Steiermark spielte ein Lied. Vielleicht brachten Sie nach dem Song seine Heldentat zur Sprache.

Neben dem Radio ruhte eine Schachtel Parisienne, in der sich nur noch eine einzige Fluppe befand. Sie lag verkehrt herum in der Packung.

Die Glückszigarette.

Er holte sie hervor und ließ sich auf dem antiken Polstersessel, dem Kanadier, fallen.

»Wir spielen für Sie die aktuellen Hits. Nun kommt der neueste Superhit von Lady Gaga.«

Die kräftige Stimme der Sängerin trällerte über den Äther.

Hatte die Polizei ein Nachrichtenverbot verhängt? Wäre ja typisch, wenn sie ihn totschwiegen. Eine Nachrichtensperre hielt ihn nicht auf. Dafür sorgten allein Facebook, Twitter und die Videoportale. Sobald er die folgende Aktion startete, musste man darüber reden. Spätestens dann kehrte ihn niemand mehr unter den Teppich.

Ein Griff nach dem Feuerzeug erweckte einen Augenblick später die Flamme zum Leben. Kurz darauf glühte der Tabak auf. Wie schön, sich nach der erfolgreichen Mission zu entspannen. Die Zigarette half, das Lied abzuwarten.

Die letzten Takte verstummten.

Es durfte nicht wahr sein.

Ohne Kommentar spielten sie noch einen Song.

Sie versuchten, ihn zu ignorieren. Lächerlich. Eine SMS an den Medienmann reichte aus, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Doch galt es nun, den restlichen Glimmstängel zu genießen.

»Hier ist Antenne Steiermark mit einer Sondermeldung: Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Die Cobra ist in die Schule eingedrungen und sucht den Täter. Wie viele Opfer die Wahnsinnstat gefordert hat, können wir noch nicht sagen. Wir werden Sie informieren, sobald es Neuigkeiten gibt. Bleiben Sie dran.«

Nichtssagend.

Dennoch konnte er einiges damit anfangen. Sie hatten soeben bestätigt, dass ihm Zeit blieb. Während die Cobra im Bischgym herumirrte, bereitete er sich in der Wohnung in aller Ruhe auf Phase Zwei vor. Er dämpfte die Zigarette aus, erhob sich aus dem Armsessel, entledigte sich der Bermuda und befreite sich vom schweißgetränkten T-Shirt. Wie schön, ein letztes Mal den Teppichboden unter den nackten Füßen zu spüren. Wie herrlich, barfuß für eine Dusche in das Badezimmer zu schreiten.

Erstmals stand in der Kabine ein Held, der notfalls zum Sterben bereit war. Das Wasser prasselte auf seinen Körper, es massierte die Schultern und floss die Arme hinab. Über die Finger lief es, ehe es sich an den Fingerkuppen sammelte und in die Duschtasse abtropfte.

Ich wasche meine Hände in Unschuld.

Das Warmwasser verlor an Kraft. Er drehte den Armaturenhebel nach rechts und genoss den wärmeren Strahl.

Noch verstand niemand, dass er in Wahrheit dem Bischgym gedient hatte und es von Todesernst erlöst hatte.

Nach dem überraschenden Ableben des Vorgängers hatten sich Lehrer, Eltern und Schüler in einem Brief an den Bischof für den beliebten Chemieprofessor eingesetzt. War auch logisch, denn der hatte an die Talente in allen Jugendlichen geglaubt und sie motiviert. Todesernst hingegen hatte sogar nach dem Abitur den Vätern seiner »Lieblinge« gesteckt, dass sie zu blöd für ein Studium seien.

Todesernst hatte die Strippen in der Kirche gezogen, um sich selbst zum Direktor zu küren. Angeblich hatte der Chemiker auf den Posten verzichtet, um Administrator zu werden. Dabei wusste doch jeder, dass dieser Schritt genauso freiwillig wie die Teilnahme des Klosterschülers an der Klassenmesse ablief.

Keine Frage, er duschte sich in Unschuld.

Sanft trug er das Shampoo auf die Haare auf. Er schloss die Augen und wusch sich die Haare. Das Kraulen der Finger auf der Kopfhaut fühlte sich herrlich an. Das Wasserrauschen wirkte wunderbar entspannend. Frische verdrängte das abgekämpfte Gefühl. Er lauschte dem Prasseln der Tropfen in der Duschtasse.

Später öffnete er den Mund und ließ es in den Rachen regnen. Es füllte die Wangen aus. Dann schluckte er und nahm bewusst wahr, wie dass Nass seinen Weg in den Magen fand. Es erquickte ihn.

Wasser des Lebens.

Bis gestern hatten alle unter Todesernst gelitten. Der Tyrann war das volle Programm gefahren, um so manchem den Alltag madig zu machen. Aber heute war der Tag der Abrechnung gekommen.

Wasser des Todes.

Als Einziger in der Stadt besaß er es. Wenn er es über Graz regnen ließ, konnte er Tausenden ein qualvolles Ende bescheren.

Noch wusste das keine Seele.

Tabun hieß die letzte Option.

Der Feldzug hatte erst begonnen.

Paukenschläge, Trompeten und Trommeln aus dem Radio rissen ihn aus seinen Gedanken. Er drückte auf den Armaturenhebel, stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Aus dem Badezimmer eilte er ins Wohnzimmer.

Dramatische Musik im Hintergrund begleitete die Worte der Sprecherin. »Antenne Steiermark hat das Programm geändert und informiert Sie laufend und aktuell über den Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Unser Reporter Norbert Fink ist für uns live vor Ort. Hallo Norbert?«

»Hallo Michael«, erwiderte Fink die Begrüßung.

»Es soll im Bischöflichen einen Amoklauf gegeben haben.  Weißt du inzwischen mehr darüber?«

»Nun. Eine schwarz vermummte Person ist heute früh in das Bischöfliche Gymnasium eingedrungen. Der Täter hat im sogenannten Lindenhof das Feuer eröffnet und dürfte den Direktor erschossen haben. Ob es weitere Tote oder Verletzte gibt, kann man noch nicht sagen. Gerüchten zufolge hat der Täter auch eine Handgranate gezündet. Die Cobra ist bereits in die Schule eingedrungen, um den Amokläufer zu stoppen.«

»Was siehst du im Moment?«, hakte die Moderatorin nach. »Kannst du uns die Situation schildern?«

»Also: Ich befinde mich in der Grabenstraße vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz. Man sieht hier nichts außer Chaos. Es ist ein Blaulichtmeer aus vielen Rettungswagen, Notarztwagen, Polizeiwagen. Natürlich ist es auch schwierig für die Eltern, die besorgt sind um ihre Kinder. Die mit ihren Kindern in Verbindung stehen über Handy, die klarerweise auch das Verkehrschaos mitverursachen.Ob es weitere Tote und Verletzte gibt, kann man derzeit noch nicht sagen. Ebenso weiß man noch nicht, ob sich der Täter irgendwo im Gebäude verschanzt oder die Flucht ergriffen hat.«

Triumphierend ballte er die Faust.

»Ist über diesen mutmaßlichen Täter irgendetwas bekannt?«

»Nein, also ich versuche, Kontakt mit dem Pressesprecher der Polizei herzustellen. Aber hier ist ein derartiges Chaos. Ich habe ihn nicht ausfindig machen können und rund um das Bischöfliche Gymnasium herrscht natürlich Ausnahmezustand. Moment«, Norbert Fink stockte, »Ich erfahre gerade, dass man demnächst mit der Evakuierung beginnen will.«

»Antenne-Korrespondent Norbert Fink live vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz, wo sich ein Amoklauf ereignet hat. Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden.«

Dafür sorge ich, ihr werdet heute noch weltberühmt.

Zeit für Phase Zwei.

Über die Kleidung für die kommende Etappe brauchte er nicht lange nachzudenken. Gestern hatte er sie auf einem Hocker hergerichtet. Nach Slip, Socken und Bermudahose band er sich den Geldgurt, mit dem er die Schlüssel transportierte, um den Leib. Darüber zog er sich ein T-Shirt, auf dem ein blaues Blitzsymbol prangte, an.

Hier konnte er, hier durfte er auf keinem Fall bleiben. Norbert Fink hatte es ihm soeben bestätigt. Die Cobra wusste es schon. Bald war es auch dem LKA klar, dass im Bischgym ein Todesritter den Tyrannen hingerichtet hatte. Spätestens, wenn die Polypen das Foto fanden, kämen sie dahinter, wer hinter der Hinrichtung von Todesernst stand.

Also weg, bevor die Zeit ablief.

Er steckte das Feuerzeug und eine frische Packung Zigaretten in die Hosentasche. Das Smartphone blieb für eine ultimative Funktion auf der Kommode zurück. Stattdessen schnappte er sich den bereitgelegten USB-Stick. Im Flur schaute er mit Wehmut in die Wohnung. Hierher war er nach dem Abitur gezogen. Nun verließ er sie für immer.

Die Tür fiel mit lautem Hall ins Schloss. Raschen Schrittes lief er die Wendeltreppe hinab, bis er den Keller erreichte. Die allerletzte Fahrradfahrt seines Lebens stand auf dem Programm. Er schob das blaue Herrenrad durch die hintere Kellertür.

Nicht auffallen, ermahnte er sich. Dennoch beäugte er die Hecken auf beiden Seiten, die ihn vor neugierigen Blicken schützten.

»Hast du schon gehört?«, vernahm er eine Frauenstimme vom Grundstück nebenan. »Im Bischöflichen hat es einen Amoklauf gegeben.«

»Dass so etwas bei uns passiert«, antwortete eine andere Frau. »Ich mache mir solche Sorgen um den Rupert.«

»Um Gottes willen. Der geht ja dort in die Schule.«

Ignorieren!, befahl er sich.

Für einen Todesritter von Graz gab es heute noch viel zu tun. Er rollte den Drahtesel durch den überdachten Durchgang, schwang sich auf den Sattel und fuhr los.

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