Ein Anfänger hat eine erste, wesentliche Hürde genommen – er schreibt regelmäßig und nimmt sich dafür immer wieder Zeit. Statt typischer Ausreden wie Job, Familie, Sport, Haushalt, oder vieler anderer Dinge regiert bei ihm die Disziplin. Jeden Tag produziert er für sich den einen oder anderen Text. Mal länger, mal kürzer. Seine Tagebücher, seine Morgenseiten, die täglichen Gedichte, Kurzgeschichten und all die anderen literarischen Gehversuche erfüllen ihn mit Stolz. Er kann zu Recht den Satz “Ich möchte gerne Autor werden” aus seinem Wortschatz streichen. Er hat es geschafft! Er betreibt kreatives Schreiben regelmäßig. Somit ist er kein Träumer, sondern ein Autor! Die ersten Sonnenstrahlen der Erfahrung treffen auf den Geist des potenziellen Schriftstellers. Noch bemerkt er es nicht: Der Schnee schmilzt langsam, aber stetig.

Aus dem Träumer ist ein eifriger Anfänger geworden! Er vertraut nicht länger der Muse, sondern dem Fleiß, wenn es um kreatives Schreiben geht.

Falls der Anfänger nur für sich schreiben will, endet hier die Reise. Kreatives Schreiben entwickelt sich dann zu einem erfüllenden Hobby. Es kann auch etwas ganz anderes passieren. Er ist süchtig geworden. Schreibsüchtig. Vier neue Fragen tauchen in seinem Geist auf, während der Schnee schmilzt.

Kann ich?

Hier darf man nicht den allgemeinen Mythen und Märchen Glauben schenken, wie ich es im Artikel über den Schnee auf der Landschaft geschrieben habe. Es gibt keine geborenen Schriftsteller und kein Meister fällt vom Himmel. Kreatives Schreiben kann man lernen, doch es erfordert viel Zeit zum Lesen, gute Bücher, Kraft, Geduld, Ausdauer, unterstützende Mitreisende und vor allem hervorragende Lehrer. Falls eine dieser Zutaten fehlt, wird es sehr schwer werden, das Handwerk zu erlernen und es zunehmend zu beherrschen.

Gute Bücher, welche kreatives Schreiben lehren, werden in diesem Blog nach und nach vorgestellt. Ich habe die Schreibratgeber nach dem Reifegrad des Autors eingeteilt und werde diese Werke nach und nach online stellen. Unterstützende Mitreisende findet man am besten in Schreibgruppen, die es in jeder Stadt gibt. Auch hier kann Doktor Google bei der Suche behilflich sein. Für Wien kann ich z. B. die Selbsthilfegruppe der Schreibabhängigen empfehlen, die sich ein Mal im Monat im Café Benno zum Schreibfrühstück trifft. Die Grazer Schreibgruppe trifft sich ebenfalls ein Mal monatlich.

Gute Lehrer findet man einerseits mit Glück in den Schreibgruppen bzw. in guten Schreibseminaren. Da diese Kurse mit Kosten verbunden sind, ist es wichtig, zuvor auf die Qualität der Seminaranbieter zu achten. Wenn das Seminar ein Lektor aus renommierten Hause oder ein mehrfach veröffentlichter Autor aus renommierten Hause hält, kann man es getrost buchen. Besonders günstig bei hervorragender Qualität sind die Kurse an der Bundesakademie in Wolfenbüttel, wobei auch die Kritikfähigkeit trainiert wird.

Will ich?

Ja, natürlich. Wer will denn nicht Bestsellerautor sein?

Falsche Frage! Die Frage müsste lauten: Will ich mir die Mühen bis dorthin antun? Will ich mir den Kampf um einen Roman und jenen um einen seriösen Verlag antun?  Will ich die jahrelange Ungewissheit aushalten, bis es ein marktfähiges Buch gibt? Will ich akzeptieren, dass selbst eine Veröffentlichung bei Heyne, Bastei Lübbe oder blanvalet keine Garantie auf einen Bestseller bedeutet?

Wenn du diese Fragen mit einem überzeugten Ja beantworten kannst, dann ist Kreatives Schreiben und die dazu gehörige Schreibkarate etwas für dich.

Zudem stellt sich die Frage, ob Sie bereit sind, langfristig andere Tätigkeiten hintanzustellen? Kreatives Schreiben ist harte Arbeit und bedarf viel Zeit, die bei anderen Aktivitäten abgeht.

Darf ich?

Diese Frage muss jeder für sich beantworten. Jeder muss sich selbst die Erlaubnis dazu geben. Die Gesellschaft schenkt einem erst die Legitimation, wenn man veröffentlicht ist und gibt einem unveröffentlichten Autor ungefähr das gleiche Prestige wie einem Sandler. Auch das muss man während dieser Jahre ertragen.

Die Unkenrufe gehen meist in die Richtung, dass man lieber etwas Vernünftiges machen und das Schreiben bleiben lassen soll. Jedoch war jeder veröffentlichte Autor früher unveröffentlicht und hatte mit genau diesem Problem zu kämpfen. Wenn diese Autoren der Gesellschaft oder den Nahestehenden die Macht gegeben hätten, über die Erlaubnis für Kreatives Schreiben zu entscheiden, gäbe es keine Romane. Diesem Umstand kann man auf dreierlei Art begegnen:

  1.  Man verschweigt es komplett und redet so lange nicht darüber, bis sich der Erfolg einstellt.
  2.  Man kann es einfach als Hobby runterspielen.
  3.  Die radikalste Lösung ist es, den Unken zu sagen, dass sie sich lieber um ihr eigenes Leben kümmern sollten und sie ohnedies das Risiko des Scheiterns nicht tragen.

Welchen Sinn hat es?

Diese Frage ist die wichtigste. Die persönliche Antwort auf diese Frage ist eine höchst intime und spirituelle Angelegenheit.  Jeder kann sie nur alleine für sich finden.  Diese Antwort entscheidet, wie lange man Kreatives Schreiben durchhält. Der Sinn hält sowohl unveröffentlichte als auch mehrfach veröffentlichte Schriftsteller sowie Bestsellerautoren bei der Stange.  Sobald man keinen (höheren) Sinn hinter dieser Tätigkeit erkennt, ist es klüger, Kreatives Schreiben bleiben zu lassen.

Der Schnee schmilzt – was ist nun zu tun?

Der Schnee schmilzt - Gelbgurt

Der Schnee schmilzt, die harte, gefrorene Erde leuchtet gelb: Der Lehrer sieht nicht, ob der Schüler fruchtbar ist. Der Schüler sieht nicht, ob aus der Lehre Frucht wachsen wird.

Erstens. Freu dich darüber! Du hast schon viel mehr erreicht als ein Großteil der Leute, die über das kreative Schreiben nur reden. Du bist schon viel weiter als die meisten, bei denen das Buchschreiben auch in zehn Jahren nur ein vager Traum bleibt. Du bist inzwischen schon so weit, dass du regelmäßig schreiben und sich dir erste, ernsthafte Fragen über die Qualität deiner Texte stellen. Um die nächste Stufe auf dem Weg vom zum veröffentlichten Autor zu nehmen, gebe ich dir folgende Tipps mit auf den Weg.

  • Lesen Sie jedes Monat mindestens einen Roman aus ihrem Lieblingsgenre.
  • Bleiben Sie dran – schreiben Sie weiterhin regelmäßig.
  • Lassen Sie ihre geschriebenen Texte ein Monat lang liegen und gehen Sie diese dann als Leser durch. Fällt Ihnen etwas auf? Kann man manche Passagen anders formulieren?
  • Besorgen Sie sich Schreibratgeber und probieren Sie die Tipps in ihren Texten aus.
  • Besuchen Sie eine Schreibgruppe und schauen Sie sich den Umgang der Teilnehmer miteinander an.
  • Legen Sie ihren Text (etwa drei bis fünf Seiten) der Gruppe zur Begutachtung vor. Hören Sie schweigend zu, was die Gruppe zu Ihrem Text zu sagen hat.