Der Auftrag

Der Auftrag

Sa Dragonera

»Die habe ich extra für dich zubereitet, Raúl.« Tomás stellte die kalte Suppe auf den Tisch. »Willkommen im Club!«

Raúl schnappte sich einen Löffel und kostete. »Nicht schlecht.«

Die Frische der Melonenkaltschale auf der Zunge bewies, dass Tomás seinen ursprünglichen Beruf nie verlernt hatte. Er führte das Spießchen mit der gebratenen Garnele zum Mund, hielt den Krebs zwischen den Zähnen fest, ließ den salzigen Geschmack wirken, ehe er die Krabbe vom Stäbchen zog, sie kaute und schluckte. »Ich lege Wert auf Exquisites, mein Freund.«

»Das ist der Unterschied zwischen uns und den Ballermännern«, gab Raúl von sich. »Dort habe ich früher so manchem Deutschen Waschpulver als Koks verkauft.«

»So kommt man nicht sehr weit.«

»Ich will ab April richtig Kohle machen.« Raúl grinste. »Strecken wir doch den Stoff.«

»Ich habe Scampi benutzt, keine Garnelen.« Tomás zeigte auf den Suppenteller und wartete ein paar Augenblicke. »Kumpel, bei uns wird nichts gestreckt. Wir verkaufen reinstes Kokain, kein Flex. Unser Ecstasy enthält keinerlei Strychnin und beim Joint verwenden wir null Gramm Blei. Haben wir uns da verstanden?«

»Ich wollte da sichergehen«, gab Raúl von sich.

»Die Hauptspeise gibt’s nach dem Meeting in Palma«, sagte Tomás nach dem letzten Löffel. »Ich habe einen wichtigen Auftrag vom Paten. Wir müssen auf die Dracheninsel fahren. Ich werde dich dort dem obersten Chef vorstellen.«

»Spannend.« Raúl erhob sich. Aus der Hosentasche zog er Zigarettenpapier hervor, aus der Brusttasche zupfte er ein Plastiksäckchen. »Ich will mich vor dem Treffen etwas auflockern.«

Tomás erkannte das Gras sofort.

»Hast du Lust auf einen Joint?«, fragte Raúl.

»Sa Dragonera ruft.« Tomás zündete sich seinerseits eine Zigarette an.

Raúl drehte in aller Ruhe seine Haschzigarette und steckte sie in den Mund. Wenig später nahm er einen tiefen Zug und stieß den süßlich riechenden Hanfrauch aus. »Einen Joint in Ehren kann niemand verwehren.«

»Zum Glück steuere ich das Motorboot.« Tomás blickte auf die Uhr. »Nach der Rauchpause müssen wir wirklich los.«

»Tomás, ich werde immer dein Freund sein, egal wie viel wir von April bis November in Palma verticken. Auch wenn die Guardia Civil uns hochnimmt. Wird aber nicht passieren.« Raúl nahm noch einen Zug. »Wusstest du eigentlich, dass ich zwei Jahre bei der Navy war? Das hatte ich im Lebenslauf verschwiegen. Ihr habt unwissentlich einen Marinesoldaten rekrutiert. Das letzte Schiff habe ich leider versenkt. Was soll’s?«

Wie schnell das Hasch wirkte, bewiesen bei Raúl die Gedankensprünge. Tomás blickte durch das Fenster auf die Dracheninsel, hinter der sich die Sonne zu verstecken begann. Unter solchen Umständen drohte der Auftrag des Chefs, sich in ein heiteres Unterfangen zu verwandeln.

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