Blinde Wut

Blinde Wut ist eine Szene aus dem Roman “Todesernst”  Sie wird aus der Sicht des Mörders geschildert. Im Zuge des Nürnberger Autorentreffens habe ich diese Szene am 5. Mai 2016 im Kunstverein im Weinlager aus meinem Buch gelesen. Die vorliegende Szene “Blinde Wut” spielt in der Mitte des Romans. 

Markus Donhart beobachtet nicht nur eine Hochzeitsgesellschaft aus der Ferne, er handelt auch. Begleiten Sie mich in die Gedankenwelt eines Wahnsinnigen.

Es lohnt sich, das Video zu starten, wenn man einen entscheidenden Effekt bei der Lektüre nicht verpassen will.

Blinde Wut – Transkript

Graz: Der flüchtige Täter aus dem Bischöflichen Gymnasium ist in der Altstadt erneut in Erscheinung getreten. Die Polizei fahndet nach Markus Donhart, 34 Jahre, 1.75 groß und schlank. Er hat rote Haare und blaue Augen. Sein Gesicht ist glatt rasiert. Zweckdienliche Hinweise nimmt die Polizei unter der Nummer des Journaldienstes des Landeskriminalamts 059/133/60-3333 oder unter der Notrufnummer 133 entgegen. Achtung: Markus Donhart ist bewaffnet und äußerst gefährlich!«

Donhart stand auf und verpasste der Wand einen Fußtritt.

Auf dem Verputz zeichnete sich der Abdruck der Sohle ab. Hatte Hutnagl den Blog noch immer nicht gelesen? Oder nahm er ihn für nicht für voll?Was glaubte der Herr Einsatzleiter, wenn er Donhart so ignorierte und ihn öffentlich zur Fahndung ausschrieb? Meinte Hutnagl, damit so billig durchzukommen?

Donhart wusste, wen er auszuschalten hatte, um diesem Heuchler den Schock seines Lebens zu verpassen. Wer regte sich sowohl in der Verbindung als auch in den Ordenstreffen über die gottlose Politik so wortreich auf? Wer schimpfte gegen das Atelier, das Peter Almer diese Plattform für die homogestörten Fotos zur Verfügung stellte? Wer war der erste Käufer auf jener Vernissage?

Kurt Hutnagl, ein Soldat Jesu Christi!

Heute nutzte Donhart die Chance, so viele Fliegen wie möglich mit einer Klappe zu erschlagen. Der kommende Angriff galt Isabella. Monatelang hatte Donhart sich um sie bemüht und ihr jeden Wunsch erfüllt. Schließlich hatte Donhart sie überzeugt, ihn zur Akademikerredoute zu begleiten.

Kurz nach der Polonaise hatte Peter Almer mit seinem Dackelblick die plumpe Anmache gestartet. Den ganzen Abend lang hatte dieser Schleimer auf sie eingeredet. Isabella hatte dauernd gekichert, wenn Almer seine idiotischen Sprüche losließ. Donhart hingegen hatte versucht, mit ihr vernünftig zu reden, aber sie hatte ihn einfach stehen gelassen. Um zwei Uhr morgens hatte sie sich verabschiedet, um mit Peter Almer Händchen haltend zu verschwinden!

Donhart nahm das Gewehr und legte sich bäuchlings auf den Tisch, den er vor dem Fenster auf der Ostseite aufgestellt hatte. Vorsichtig bewegte er das Kippbrett. Mit dem Feldstecher überprüfte er die Lage im Burggarten.

Alles lief nach Plan. Wie vorausgesehen schlenderten die Brautleute für das Hochzeitfoto vor die Orangerie. Der Bräutigam gestikulierte, worauf der Fotograf die Kamera samt Stativ um ein paar Meter verschob. Bald schlug die große Stunde für die Abrechnung.

Donhart legte das Fernglas zur Seite, schnappte sich die Mosin-Nagant und richtete sie aus. Langsam brachte er das Gewehr in die richtige Stellung; er ließ den Lauf in das Polster auf der schmalen Fensterluke absinken und warf einen Blick durch das Zielfernrohr. Die Gebäude und die Herz-Jesu-Kirche im Hintergrund interessierten ihn genauso wenig wie das Schauspielhaus im Vordergrund. Im Gegensatz dazu verdiente der Stadtpark mehr Beachtung. Die ruhenden  Blätter der Laubbäume zeigten absolute Windstille an. Einen Schwenk später tauchte die Orangerie im Okular auf. Reflexionen des Sonnenlichts im Glashaus erschwerten die Aufgabe. Immerhin konnte er sich an den Würfeln in hellem Orange orientieren, welche das ehemalige Gewächshaus im Burggarten begrenzten. Er bewegte den Lauf nach rechts und suchte das Ziel.

Kurz darauf befand sich das Hochzeitskleid im Visier. Der senkrechte Streifen verlief genau durch ihr Brautkleid, die Brautschuhe ruhten auf der waagrechten Linie. Vom Haupt bis zur Sohle zählte Donhart vier Bogenstriche. Isabella stand 450 Meter von ihm entfernt.

Konzentration war für diesen schwierigen Schuss das Um und Auf, das Alpha und Omega. Stets lief die gleiche Prozedur ab. Den Wind brauchte er gottlob nicht zu berücksichtigen und den richtigen Schusswinkel kannte er bereits. Donhart holte tief Luft.

Er richtete das Fadenkreuz zwei Striche über dem Kopf der Frau in Weiß aus. Abermals machte Donhart einen langen Atemzug.

Er spürte den Sauerstoff durch die Nase, den Rachen und die Luftröhre in die Lunge strömen. Er konzentrierte sich auf das Körpergewicht, das auf den Tisch drückte. Donhart steuerte seine Aufmerksamkeit auf die Beckenknochen und versuchte, den Puls zu erspüren. Mit jedem Schnaufen wuchs sein Fokus; sein Herz schlug langsamer. Das gab ihm die Chance, den einzelnen Herzschlag wahrzunehmen. Die Waffe war seine Hand, das Fernrohr sein Auge und der Abzug Teil seines Nervensystems.

Drei Pulsschläge später war sein Geist mit dem Projektil vereint.

»Treffer wie immer bei mir!«