08:15

Befragung des Tatzeugen David Birkner

Ein schmächtiger Mann betrat den Sozialraum, den Sabrina für die Befragungen in der Pädagogischen Hochschule organisiert hatte. Die rotbraunen Haarlocken auf der hohen Stirn und die blassbraunen Augen hinter der Nickelbrille sorgten für ein flaues Ziehen im Magen. Dazu trug er ein Hemd, das klischeehaft zu einem Theologen passte.

»Kontrollinspektorin Mara.« Sie schritt auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte sich, wieso ihre Knie schlotterten.

»Benedikt Birkner.« Der Händedruck fühlte sich eigen an. »Ich bin Kaplan und Präfekt in unserem Bischöflichen Internat.«

»Kurt Hutnagl.« Sabrinas Chef zeigte nach dem Handschlag auf die modernen Bilder neben der Küchenzeile. »Dieses Gekritzel wird Sie doch nicht ablenken, oder?«

Kaplan Birkner lächelte. »Na, Picasso ist das keiner.«

»Auch kein Klimt. Bei mir zu Hause hängt ein Poster vom Lebensbaum.« Hutnagl wies auf die Sitzgarnitur. »Hochwürden, setzen wir uns.«

Birkner nickte. Er ließ sich auf dem Sofa vor dem zwei Meter hohen Fenster nieder.

»Zuerst brauchen wir Ihren Ausweis«, sagte Sabrina. »Wir werden Sie als Zeuge befragen.«

»Selbstverständlich.« Aus der Hosentasche zog Birkner die Geldbörse heraus. Mit zitternden Fingern zupfte er das hellblaue Kärtchen hervor und übergab es ihr.

Er trug die Nickelbrille wie auf dem Foto. Die braunen Locken stimmten mit dem Foto überein, doch der Oberlippenbart war einer Rasur zum Opfer gefallen. Das Alter hatte sie auf das Jahr genau eingeschätzt; vor 35 Lenzen hatte er das Licht der Welt erblickt. Dass Birkner einem Pfarrvikar aus ihrer Kindheit in den Osttiroler Bergen ähnelte, konnte Sabrina schwerlich leugnen.

»Sie sind also Magister Benedikt Birkner.« Sie schämte sich für den bibbernden Unterton in ihrer Stimme. »Woher kommen Sie?«

»Ursprünglich aus Gnas, seit meiner Jugendzeit lebe ich in Graz. Ich habe in Graz Theologie studiert und habe vor zwei Jahren die Priesterweihe empfangen. Jetzt bin ich hier in unserem Bischöflichen Internat Kaplan.«

Die Stimme des Zeugen passte wie die Faust aufs Auge ihrer Kindheitserinnerung. Die Anspannung wollte sich nicht lösen. »Haben Sie Verwandte in Osttirol?«

»Nein.« Kaplan Birkner schüttelte den Kopf.

Reiß dich zusammen!, schien Hutnagl mit seinem Blick zu sagen. Bleib professionell.

Es holte sie von der Kindheit in den Osttiroler Bergen in die Grazer Gegenwart zurück. Sie gab dem Kaplan den Ausweis zurück. »Wollen Sie einen Kaffee?«

»Habt ihr Wasser?« Kaplan Birkner verstaute ihn in der Geldbörse, die er wiederum in der Hosentasche verschwinden ließ.

Hutnagl zwinkerte ihr zu. »Mir bringen Sie bitte einen Schwarzen.«

»Kein Problem.« Sabrina lief auf die Kaffeemaschine zu. Mit dem Augenzwinkern hatte ihr Vorgesetzter zu verstehen gegeben, dass er die Vernehmung führen wollte. Ihr war es recht, denn das Störfeuer der Erinnerung an ihre Jugend in Osttirol hätte ihre Arbeit erschwert. Mit einem Lächeln auf ihren Lippen öffnete sie die Klappe, nahm die Kanne heraus und füllte die Tassen. »Chef, Sie trinken ihn mit zwei Stück Zucker, oder?« Sabrina übergab ihm die Schale und überreichte ihm den Würfelzucker auf einem Kaffeeteller.

»Danke.« Hutnagl ließ die Zuckerwürfel in die dunkle Brühe fallen und rührte sie um.

Sabrina schüttete etwas Milch in ihren Kaffee und goss Leitungswasser in das Glas für den Zeugen. Sie stellte die Getränke auf den Tisch und setzte sich neben Hutnagl auf das Sofa. Dann nahm sie das Handy aus der Handtasche, aktivierte die Diktierfunktion und legte es auf den Couchtisch.

»Heute ist der schlimmste Tag meines Lebens. Nicht nur  als Präfekt. Sondern vor allem als Priester und als Mensch.« Kaplan Birkner faltete seufzend die Hände. »Dass es ausgerechnet unser Bischöfliches Gymnasium treffen muss. Unglaublich was der Irre uns angetan hat. Ich helfe euch, wo immer es auch geht, ihn zu schnappen.«

Hutnagl zog das Notizbuch aus der Brusttasche seines Hemds. »Also, Hochwürden, dann fangen wir gleich mit Ihrer Hilfe an. Erzählen Sie uns so genau wie möglich, was Sie heute früh beobachtet haben. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Jedes Detail kann absolut entscheidend sein.«

Sabrina aktivierte auf ihrem Handy die Aufnahmefunktion.

Kaplan Birkner hielt ein Weilchen inne und seufzte. »Ich habe auf mein Zimmer wollen, um dort das Brevier zu beten. Auf dem Weg hab ich Frau Professor Kremser getroffen, die ins Konferenzzimmer hat wollen. Wir haben uns zuerst noch nichts gedacht, als wir die Schülertraube vor den Fenstern zum Lindenhof gesehen haben. Dann haben wir ein Knallen gehört und da ist uns klar gewesen, dass wir da nachschauen müssen.«

Der Zeuge formte aus Daumen und Zeigefinger einen Kreis. »Im Lindenhof war ein maskierter Typ im Zorrokostüm. Er hat wie von Sinnen auf die Schüler und den Direktor eingebrüllt. Uns war sofort klar, dass die Sache richtig gefährlich wird. Also hat Professor Kremser die Kinder schnellstens vom Fenster verscheucht und sich mit ihnen im Biologiesaal nebenan verbarrikadiert. Ich habe dann den Notruf gewählt und mir gedacht, dass ich euch helfe, wenn ihr das Gebrüll des Täters mithören könnt.«

»Ja, das hat funktioniert«, Hutnagl deutete mit dem Kinn auf Sabrina, »wir werden darauf noch zurückkommen. Wie ging es weiter, Herr Präfekt?«

»Tja.« Kaplan Birkner verschlug es die Stimme. Er griff nach dem Wasserglas und trank einen tiefen Schluck. »Er hat den armen Herrn Direktor gezwungen, vor dem Altar auf die Knie zu fallen. Er hat eine Tirade losgelassen und dann … «, die Lippen des Klerikers bebten, »… dann hat er ihn eiskalt erschossen. Er hat irgendwas Flaches in den Kragen der Leiche gesteckt und dann ist er zur Grabenstraße hin weg. Wer noch dort war, ist in die gegengesetzte Richtung gerannt. Keine Sekunde zu früh. Kurz danach hat es irrsinnig laut geknallt, sodass das Glas der Tür zum Lindenhof zerborsten ist. Ich war mir da sicher, dass der Typ Amok läuft.«

Kaplan Birkner wartete einige Momente und stieß einen Seufzer aus. »Gott sei Dank ist da nicht mehr passiert. Da hat der Herr zu uns die himmlischen Heerscharen geschickt.«

»Stimmt.« Hutnagl nickte und blickte einen Augenblick lang zu Sabrina. »Ich habe das vorhin mit meiner Kollegin besprochen.«

Nicht schon wieder! Sabrina verdrehte die Augen.

»Herr Präfekt«, Hutnagl blätterte in seinem Notizheft zu einer leeren Seite, »haben sie eine Idee, was den Mörder bewogen haben könnte, ausgerechnet den Lindenhof als Tatort zu wählen?«

»Ja, in der Tat.« Ein kurzes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Zeugen. »Bei uns steht stets der gelebte Glaube im Mittelpunkt. In der Fastenzeit bieten wir ein Mal in der Woche den Schülern die Möglichkeit, vor dem Unterricht die heilige Messe in unserer Gemeinschaft zu feiern. Meist zelebrieren wir sie in der Schulkirche, aber wenn es uns das Wetter erlaubt, dann weichen wir dafür ab und zu in den Lindenhof aus. Auf der Pinnwand hinter dem Haupteingang geben wir bekannt, wo die Fastenmesse stattfindet.«

»Wann und wie wird das entschieden?«, fragte Sabrina.

»Manchmal leg’ ich das fest«, antwortete Kaplan Birkner, aber meistens der Spiritual.«

»Wer soll denn das sein?« Ihr sagte der Begriff nichts.

Hutnagl hob den Zeigefinger. »Mara, es kommt vom lateinischen Wort Spiritus her. Es hat aber nichts mit dem Fusel zu tun, sondern damit ist ein Geistlicher gemeint. Man kann ihn mit einem normalen Pfarrer vergleichen, nur dass er eben als Seelsorger für dieses Haus zuständig ist.«

»Schön erklärt«, lobte Kaplan Birkner.

»Wer hat diesmal die Entscheidung getroffen?«, hakte sie nach.

»Unser Spiritual.«

»Wann?« Sabrina roch die erste Fährte.

»Er hat es gestern am späten Nachmittag entschieden. Am frühen Abend habe ich mit meiner Gruppe den Altar für den Gottesdienst gestaltet.«

Hutnagl nahm den Kugelschreiber in die Hand und drückte zwei Mal auf den Knopf. »Herr Präfekt, ist Ihnen etwas aufgefallen?«

Kopfschütteln.

»Also gut, Hochwürden, kommen wir nun zum Mitschnitt Ihres Notrufs. Mir geistern ein paar Fragen durch den Kopf.« Hutnagl zog das Handy hervor und spielte die Aufnahme ab.

»Willkommen in der Gemeinschaft«, bemerkte Sabrina nach dem Ende der Sequenz. »Was könnte der Täter damit gemeint haben?«

»Entschuldigung« Kaplan Birkner nahm die Brille ab und legte sie auf den Couchtisch. Mit einem Papiertaschentuch wischte er sich eine Träne aus den Augen. »Der Direktor hat auf Pünktlichkeit bestanden. Oft musste er die Schüler ermahnen. Dafür hat er gern auch diesen Spruch benutzt.«

»Hochwürden, fällt Ihnen spontan jemand ein, der notorisch zu spät kam?«

Der Erzieher setzte sich nach Hutnagls Frage die Gläser wieder auf. »Da hat es durchaus ein paar Kandidaten gegeben, aber eines sage ich euch gleich. Von denen kommt keiner infrage. Wissen Sie, in unserem Augustinum schauen wir in allen Institutionen auf Achtung und Ehrfurcht. Wir lösen die Probleme auf Basis des Evangeliums. Sollte sich jemand nicht an die Grundregeln christlichen Miteinanders halten, wird er nicht alt bei uns.«

»Verstehe.« Sabrina verstand nicht, warum die Präsenz dieses Priesters ihr die Luft zum Atmen nahm. »Er hat von Schweinen geredet«, presste sie ihre Frage hervor. »Wen könnte er da noch gemeint haben?«

»Wahrscheinlich war er wütend auf die Professoren und Präfekten«, gab der Zeuge von sich.

»Er hat aber gesagt: Ihr Schweine greift überall nach der Macht«, fragte sie. »Gibt es irgend jemanden in Ihrem Haus, der in einem Parlament sitzt oder dafür kandidiert hat? Oder der sich sonst irgendwie politisch engagiert?«

»Nein.« Kaplan Birkner lachte auf und schüttelte den Kopf. »Machtgier ist in unserem Augustinum etwas völlig Fremdes. Als christliche Erzieher bemühen wir uns, Bescheidenheit vorzuleben.«

»Der Täter hatte das Opfer Todesernst genannt«, hakte Hutnagl nach. »Warum?«

»In unserer Gemeinschaft haben wir es auch mit pubertärem Protest zu tun. Leider brauchen manche länger, um den Geist in unserem Haus zu begreifen. Der Direktor war bei der Leistungsbeurteilung sehr streng. Wenn der Schüler den Stoff nicht beherrschte, gab er in Einzelfällen sogar in Religion eine Fünf. Da meinen einige Außenseiter, unseren Direktor so nennen zu können. Sie suchen die Schuld beim Professor anstatt bei sich. Das verstehen Sie doch, oder?«

»Hochwürden«, bohrte Hutnagl. »Vermuten Sie, dass es ein Schüler war.«

»Die verzerrte Stimme habe ich eindeutig erkannt.«

»Mmh«, brummte ihr Chef. »Haben Sie einen konkreten Verdacht?«

»Sie gehört dem Sprecher des Internetvideos. ›Warum!‹ heißt es.« Kaplan Birkner beugte sich nach vor und klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. »Vor zwei Jahren haben wir euch auf diesen Drohfilm hingewiesen.«

»Ja, wir haben uns damit beschäftigt.« Hutnagl fuhr mit der Hand über seine Haare.

»Eine einzige Amokdrohung.« Kaplan Birkner hielt einige Augenblicke inne. »Mir kommt es vor, als hätte ich das Machwerk erst gestern gesehen. Es verherrlicht die Massenmörder von A bis Z und bezeichnet sie als heilige Amokläufer. Man stelle sich das vor. Das haben wir sofort YouTube gemeldet. Die haben es gleich vom Server genommen und den Account gesperrt. Und ich sage es Euch: Dem traue ich alles zu. Noch mehr Morde oder Wilderes. Der macht einen Rachefeldzug gegen unsere Professoren und Präfekten. Aber wieso muss bei der Polizei immer erst was passieren, damit etwas geschieht?«

»Hochwürden«, entgegnete Hutnagl. »Wir haben sofort nach dem Urheber gesucht. Leider umsonst.«

»Für YouTube«, warf der Erzieher ein, »braucht man ein Googlekonto. Ihr müsstet doch den Verfasser des Videos ausforschen können, oder? Das kann ja nicht so schwer sein.«

»Der war nicht blöd«, konterte Sabrina. »Er hat einen falschen Namen benutzt oder glauben Sie, dass er wirklich Thunderbolt heißt?«

»Warum habt ihr unser Augustinum nicht observiert?«, warf er der Kripo vor.

»Haben wir auch«, erwiderte Hutnagl. »Nur hat sich der Verdacht nicht erhärtet, dass mehr hinter dieser Drohung steckt.«

Es klopfte.

»Herein«, bat Hutnagl.

»Ich habe es nicht eher geschafft.« Die Staatsanwältin betrat den Raum und reichte keuchend dem Zeugen, Hutnagl und Sabrina die Hand.

»Opitz.« Sie brachte ihren Namen kaum hervor.

»Falls Sie durstig sind«, Sabrina deutete auf die Kästen oberhalb der Küchenzeile, »die Gläser sind da oben.«

»Danke.« Die Staatsanwältin schnappte sich ein Wasserglas und setzte sich auf die Couch. Langsam nahm das Schnaufen ab, die Augengläser rutschten etwas nach unten, sodass ihr Gesichtsausdruck Sabrina an eine strenge Lehrerin erinnerte. »Könnt ihr mich bitte auf den aktuellen Stand bringen?«

Hutnagl berichtete, was man über den Mord bereits wusste und legte danach für einen Moment die Hand auf die Schulter des Zeugen. »Wir sollten Herrn Birkner in die Tatortbesichtigung einbinden. Er hat in der brenzligen Lage die Nerven bewahrt und uns zugleich wichtiges Beweismaterial geliefert. Er ist ein Tatzeuge, wie man ihn sich nur wünschen kann. Außerdem kennt er das Haus wie niemand sonst.«

Opitz rückte die Augengläser zurecht. »Keine schlechte Idee.«

Ein strahlendes Lächeln huschte über Birkners Gesicht. Seine Daumen und Zeigefinger deuteten eine Lupe an. »Ich habe auf die wesentlichen Details geachtet. Sie werden sehen, dass Gott mir ein Adlerauge geschenkt hat.«

Das hatte noch gefehlt. Dieser Eifer bedeutete die Garantie für Spurenvernichtung. Welcher Teufel hatte die Staatsanwältin geritten, dass sie dem zustimmte? Nicht nur die Pater-Brown-Ambitionen setzten Sabrina zu. Erneut drifteten ihre Gedanken zu jenem Tag, an dem sie heulend am Eingang des Elternhauses gestanden war. Damals hatte Mama ihr die Kraft gegeben, doch solange jene Bilder in ihrem Kopf herum stürmten, gestaltete sich die Professionalität im Hier und Jetzt zur Herkulesaufgabe. Sie beschloss, das Problem elegant zu lösen, und sie bemühte sich um eine mitsorgende Miene. »Herr Birkner, fühlen Sie sich imstande, zum Tatort zurückzukehren? Ich sage es Ihnen ganz ehrlich. Es könnte zu viel für Sie werden.«

»Leicht ist es nicht für mich.« Kaplan Birkner atmete tief ein. »Aber als Präfekt muss ich alles tun, damit der feige Mörder hinter Schloss und Riegel kommt.«

»Nun gut«, bemerkte Opitz. »Halten Sie sich bitte genau an unsere Anweisungen.«

»Selbstverständlich«, antwortete Kaplan Birkner.

Hutnagl räusperte sich. »Dann gehen wir’s an. Ich gebe dem Amtsarzt Bescheid.«

ENDE DER LESEPROBE

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