Beim Alsheimer handelt es sich um keinen Tippfehler. Damit ist nicht das Leiden gemeint, das einem langsam die geistigen Fähigkeiten raubt. Es geht hier um eine Krankheit, welche Romane, Kurzgeschichten, Berichte und Erzählungen befällt und erstmals auf der Bundesakademie in Wolfenbüttel beschrieben wurde.

Wer an Alzheimer erkrankt, bekommt Probleme mit der zeitlichen Orientierung. So kann es vorkommen, dass der an Alzheimer erkrankte Mensch das Frühstück für das Abendessen oder das Enkelkind für die Tochter hält.

Wenn der Leser einen an Alsheimer erkrankten Text liest, so bekommt er ebenso Probleme mit der zeitlichen Orientierung.

Was ist also der Alsheimer?

Ein an Alsheimer erkrankter Text enthält besonders viele Wörter, die in den Zeitablauf einer Erzählung eingreifen.

Konkret findet der Lektor in solchen Texten besonders häufig Wörter wie als, während, nachdem, bevor, plötzlich, zugleich, danach, dann, sobald, worauf und darauf. Dazu kommen oft zeitanzeigende Adverbien wie bald, gleich, zuerst, zuletzt und nochmals. Bei Texten mit der Diagnose Alsheimer treten besonders gerne die Verben beginnen und versuchenauf.

Wenn der Text an Alsheimer leidet, wird der Leser verwirrt.
Wenn der Text an Alsheimer leidet, wird der Leser verwirrt.

Oft können wir bei solchen Texten nur mit Mühe herausfiltern, was der Autor gemeint haben könnte. Durch die oben genannten Wörter wird frisch fröhlich in der Zeit herumgesprungen, sodass sich niemand mehr auskennt. Wie beim Alzheimer geht beim Lesen eines an Alsheimer erkrankten Textes jedes Zeitgefühl verloren.

Verdacht auf Alsheimer im ersten Absatz

Warum sind diese Wörter so problematisch? Wieso reißen sie den Leser aus dem Lesefluss? Werfen wir einen Blick auf einen Schreibversuch, den ich vor Jahren als Anfänger geliefert habe.

Knapp einen halben Kilometer vom Bischöflichen Gymnasium entfernt hatte ein gut trainierter Rad­fahrer mit schlanker Statur den Schwimmschulkai erreicht und sein Fahrrad an eine alte Hausmauer angelehntNervös blickte der Mörder um sich und stellte sogleich erleichtert fest, dass er niemandem bei seinem Weg vom Internat zur Mur begegnet war und noch keine Spaziergänger zu sehen waren.

Ein geübter Lektor erkennt hier sofort den Alsheimer

Der Absatz beginnt mit der Feststellung, dass ein Radfahrer soeben den Schwimmschulkai erreicht hätte. Allein dieser erste Satz nährt den Verdacht, dass der Autor die erzählte Zeit sowie das “show, don’t tell” nicht beherrscht.

Dies zeigt sich auch an den zwei Rückblenden innerhalb des Absatzes, die durch die fett markierten Verben im Plusquamperfekt angezeigt werden.

Zugleich haben wir es schon hier mit dem ersten logischen Widerspruch zu tun. Niemand kann zugleich nervös und erleichtert sein.

Der Täter sieht sich um und stellt sogleich fest, dass niemand ihm seit dem Beginn seiner Flucht gefolgt ist. Das macht keinen Sinn. Wenn er sich umsieht, kann er nur überprüfen, ob gerade jetzt ein Verfolger ihm auf den Fersen ist. Ob er bereits vom Tatort aus verfolgt worden war oder nicht, kann er durch bloßes Umschauen nicht feststellen. So gesehen trägt die Rückblende nur zur Verwirrung bei.

Abgesehen davon krankt der erste Absatz fundamental am “Show, don’t tell” und an überflüssigen Adjektiven wie eben dem gut trainierten Radfahrer mit schlanker Statur.

Es folgt ein Veitstanz durch die Zeiten

Er bewegte seinen normalgroßen Körper zur Böschung, wo im Schutz der Bäume und Sträucher entlang des Flusses sich der auffälligen Utensilien entledig­en wollte. Zuvor vergewisserte er sich nochmals, ob für ihn reine Luft herrschte. Er holte zuerst die Wehrmachtspistole der Marke Walther P08 und seine Wollmaske aus der Tasche seines Regenschutzes. Aus dem anderen Jackensack fischte er die Stielhand­granate, welche er als Versicherung gegen eine Festnahme durch die Sicher­heitskräfte mit sich führ­te und deren Einsatz nicht notwendig geworden war. Danach zog er sich die Lederhandschuhe aus.

Ein verwirrender Veitstanz, der den Zeitablauf des Absatzes durcheinander wirbelt
Alsheimer ist der ungewollte Veitstanz durch die Zeiten.
Alsheimer ist der ungewollte Veitstanz durch die Zeiten.

Problematisch sind da die Wörter Zuvor und Zuerst. Das Wort Zuerst in der Mitte des Absatzes zeigt, dass die Reihenfolge der Ereignisse nicht korrekt erzählt wird. Sie reißen den Leser aus dem Lesefluss und schleudern ihn in der Zeit herum. Man bekommt den Eindruck, dass der Mörder in diesem Text alles zugleich macht und sowohl Autor als auch Leser ihm nicht folgen können.

Wenn der Täter sich gleich der reinen Luft vergewissern würde, könnte er problemlos hinter der Böschung verschwinden und die Tatwerkzeuge nach und nach entsorgen. Dann ist das Wort Zuvor auch nicht mehr notwendig.

Interessant ist auch der Hinweis auf die Stielhandgranate. Dieser wird mit der Rückblende gebracht, dass sie nicht gebraucht hatte. Wäre dies bei der Mordszene aus der Sicht des Täters gezeigt worden, wüsste der Leser längst davon Bescheid. Dann braucht es auch diesen Hinweis nicht mehr.

Der Mörder mit dem Röntgenblick

Nachdem der Mörder sich dieser Kleidung entledigt hatte, wusste er, dass seine Entscheidung für den Trenchcoat richtig war. Er bemerkte ein paar Blutspritzer auf der linken Seite des Regenmantels und stellte dabei fest, dass seine darunter liegende Straßenkleidung sauber geblieb­en war.

Der Röntgenblick in Aktion

Wem ist der Röntgenblick aufgefallen? Der Täter hat den Trenchcoat noch nicht ausgezogen. Er kann zwar die Blutspritzer auf dem Mantel bemerken, aber wie die Kleidung darunter aussieht, kann er nicht wissen.

Ein Alsheimer im Endstadium

„Mensch, ich bin richtig genial!“ lobte sich der Radfahrer, während er die Waffen, die Maske und seine Handschuhe gemeinsam mit einem Stein und seinen Handschuhen in den Regenschutz legte und diesen zu einem brisanten Paket verschnürte.

Nun wird die Gleichzeitigkeit völlig bizarr.

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Für den Satz “Mensch, ich bin richtig genial” benötigt der der Täter circa 1,7 Sekunden. Und in dieser Zeit soll er eine Pistole, eine Stielhandgranate, die Handschuhe und einen Stein in den Regenschutz legen und das Ganze zu einem Paket verschnüren? Das schafft nicht einmal Superman im Supertempo.

Nun fehlte nur noch ein kleiner letzter Schritt, um die erste Phase seines Projekts erfolgreich abzuschließen. Der Radfahrer schlich vorsichtig zum Murufer und schleuderte das Bündel mit aller Kraft in das fließende Gewässer, wo es sogleich versank. Dem Mörder war es klar, dass man die Sachen bald finden würde, jedoch war ihm das völlig egal! Sein Herz rutschte in die Hose, als er auf der nahe gelegenen Keplerbrücke plötzlich ein Polizeiauto erblickte, das jedoch zu seiner Erleichterung nicht anhielt, sondern weiter in Richtung des Bischöflichen Gymnasiums fuhr.

Show don’t tell kombiniert mit Alsheimer ergibt Verwirrung.

Die Erklärung, dass nun der letzte Schritt der Flucht erfolgt, ist erstens unlogisch (Ein Mörder auf der Flucht wird sicher nicht am Murufer verharren) und zweitens überflüssig. Wenn die Handlung endet, dann endet sie. Hier hat der Autor dem Drang nachgegeben, dem Leser auch das Banale zu erklären und sich für seinen Text rechtzufertigen.

Das “fließende Gewässer” liest sich holprig, darum hat man in der deutschen Sprache auch das Wort Fluss eingeführt.

Wenn das Herz in die Hose rutscht, kann nicht zugleich Erleichterung eintreten. Doch genau das wird uns mit dem Wörtchen als und dem Nebensatz über das weiterfahrende Polizeiauto mitgeteilt.

Wie wir dem Alsheimer vorbeugen

Das wichtigste Gegenmittel ist “show, dont’t tell!” Wenn wir erstens darauf achten und zudem auf die Perspektive (darüber wird es später einen eigenen Artikel geben) aufpassen, laufen wir seltener in die Gefahr, einen Alsheimer zu produzieren.

Wir vermeiden am besten auch die Wörter beginnen und versuchen. Beide Verben sorgen für unnötige Distanz und schwächen den Protagonisten ab. “Der Mörder begann, vom Tatort zu fliehen” wirkt schwächer, als wenn wir “Der Mörder floh vom Tatort” schreiben. Noch besser ist es, wenn wir die Flucht des Täters zeigen anstatt sie nur zu behaupten.

Wenn wir unseren Text überarbeiten, kann auf dem ausgedruckten Blatt nach den entsprechenden Wörtern Ausschau halten. Das schlimmste Wort ist bevor, denn es zerrt den Leser brutal in die Vergangenheit. Die gute Nachricht lautet, dass wir es so gut wie immer vermeiden können.

Wenn wir auf Wörter der Gleichzeitigkeit wie als, während und zugleich stoßen, können wir das immer hinterfragen. Meist ist es nicht notwendig, die Dinge parallel darzustellen. Oft reicht es, zwei Sätze hintereinander zu schreiben ohne sie mit einem als oder einem während zu verbinden.

Das Gleiche gilt für Wörter, die uns in die Zukunft drängen. In diesem Sinn kann bei jedem danach , jedem dann sowie jedem worauf und darauf hinterfragen, ob es notwendig ist. Meist können wir diese Wörter weglassen, womit der Text an Kraft gewinnt. Auch zeitanzeigende Adverbien wie bald, gleich, zuerst, zuletzt und nochmals können wir so gut wie immer ohne Gefahr streichen.

Die Texte auf Alsheimer hin prüfen

Wer zufällig irgendeinen alten Text zur Hand hat, kann ihn auf den Alsheimer untersuchen. Wir fragen uns, an welchen Stellen der Alsheimer auftritt und wo wir ihn vermeiden können. Gewinnt unser Text an Kraft?

Wer Lust hat, kann seine Erkenntnisse hier in die Kommentarspalte schreiben.

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