Acht Mythen über Verlage

Nicht nur über Schriftsteller grassieren alle möglichen Mythen, auch Verlage sind davor nicht gefeit. Folgende Meinungen grassieren in der Allgemeinheit über die Verlagswelt:

  1. Verlage haben außer dem Sichten von Manuskripten nichts zu tun.
  2. Verlage suchen verzweifelt das geniale Schreibtalent.
  3. Verzweifelte Verlage suchen mit Google-Inseraten nach Autoren.
  4. Verlage sind an Neuautoren nicht interessiert.
  5. Wer ein Buch veröffentlichen will, muss dafür zahlen.
  6. Auch J.K. Rowling hat für Harry Potter einen Zuschuss gezahlt.
  7. Verlage erkennen Bestseller sofort.
  8. Verlage geben bei Absage ein ausführliches Textfeedback.

Zum Teil sind diese Geschichten über Verlage wahr, teils handelt es sich hierbei auch um blanken Unsinn.

1. Mythos: Verlage haben außer dem Sichten von Manuskripten nichts zu tun.

Das Sichten von unverlangt eingesandten Manuskripten gehört in den Verlagen zu jenen Aufgaben, die man an die Praktikanten delegiert.  Ein Verlagslektor hat beim besten Willen so gut wie nie Zeit dafür.

Ein Lektor ist nicht nur für einen Schriftsteller zuständig, er hat mehrere Autoren zu betreuen. Wer seinen Text professionell lektorieren lässt, wird merken, dass eine Seite mit Anmerkungen übersät wird, sodass man sich an seine schlimmsten Schultage erinnert fühlt. Zudem bedeutet ein Lektorat nicht nur das Entdecken von Rechtschreib-, Grammatik- und Stilfehlern. Es geht weit darüber hinaus – der Lektor schaut aus mehreren Ebenen auf den Text. Unter anderem gilt es zum Beispiel bei jeder Szene zu prüfen, ob die Protagonisten gemäß ihrem Charakter logisch handeln. 

Sobald ein Manuskript druckreif ist, kann der Lektor sich nicht einfach zurücklehnen und auf Urlaub gehen. Als Nächstes geht es darum, das Buch über den Buchdruck hinaus auf dem Weg in die Buchhandlungen zu begleiten. Dazu entwirft der Lektor gemeinsam mit dem Autor die Klappentexte des Romans und platziert ihn entsprechend auf dem Verlagsprojekt. Ferner muss man die Vertreter briefen, welche die Bücher des Verlags bei den Vertreterkonferenzen feilbieten. Bei diesen Konferenzen entscheidet sich, welche Bücher der Händler in das Sortiment seines Buchgeschäfts nimmt.

Neben all diesen Aktivitäten gibt es zwei Fixpunkte im Berufsleben der Verlagslektoren: die Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Wie an der kurzen Skizze des Berufsalltags von Lektoren sieht, hat das Prüfen von unverlangt eingesandten Manuskripten eine sehr geringe Priorität.

2. Mythos: Verlage suchen verzweifelt das vielversprechende Schreibtalent.

Ja, dieser Mythos entspricht großteils den Tatsachen. Verlage suchen immer wieder nach neuen Autoren, die sie aufbauen und am Markt platzieren wollen. Oft setzt der Verlagsleiter die Lektoren unter Druck, dass man dringend junge Schreibtalente deutscher Zunge brauche. Und so hofft man,  unter dem Berg von Mist unverlangt eingesandter Manuskripte die eine Perle zu finden.

Aus diesem Grund gehen die Verlage ab und zu auf die Schreibplattformen Wattpad und Sweek, die sozusagen den virtuellen Raum der unverlangt eingesandten Manuskripte darstellen. Dabei scannen sie den Berg an Schrott nach den seltenen Diamanten ab, die für sie interessant wären.

Vorsicht vor unseriösen Schreibwettbewerben

Auch an sich seriöse Verlage veranstalten unseriöse Keilwettbewerbe.
Ein Beispiel für einen weniger seriösen Keilwettbewerb war der dtvfantasynecomer 

Ab und zu veranstalten Verlage auf Sweek und Wattpad sogenannte Schreibwettbewerbe, wo sie mit dem Verlagsvertrag winken. Dazu verlangen sie meistens einen ganzen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern.

In der Folge stellen viele Hobbyautoren voller Hoffnung ihre unfertigen Texte auf diese Plattformen. Um auf die Longlist zu kommen, muss der hoffnungsfrohe Jungautor bei Gott und der Welt um Likes betteln. Somit ist nicht mehr die Textqualität, sondern die Mobilisierungskraft für den Erfolg entscheidend. Erst wenn man erfolgreich mobilisiert hat, beschäftigt sich der Verlag mit dem eingereichten Roman. Damit wollen die Verlage testen, ob der Autor über eine Fanbase verfügt und wie weit er für sich Werbung machen kann. Dass diese Keilwettbewerbe auf mehreren Ebenen problematisch sind, führe ich in meinem Artikel über den dtvfantasynewcomer sowie im Nachruf zum dtvfantasynewcomer im Detail aus.

Sobald man für einen Schreibwettbewerb auch nur ein einziges Like braucht, kann von einem seriösen Wettkampf nicht mehr die Rede sein.

Der Weg in den Publikumsverlag ist steinig und schwer!

Das unverlangt eingesandte Manuskript und der Mobilisierungswettbewerb sind nicht gerade optimale Wege, wenn man in einem Publikumsverlag unterkommen will. 

Wer hingegen einen seriösen Literaturagenten findet, hat eine hohe Hürde genommen. Ebenso hilft die Vernetzung in der Literaturszene über gute Schreibgruppen und Themengruppen ungemein. Weiters kann man durch die Teilnahme an seriösen Schreibwettbewerben auf sich aufmerksam machen.

Allerdings muss dir klar sein: Der Weg in den Publikumsverlag ist oft steinig, hart und schwer. Und was noch wichtiger ist: Er erfordert enormen Biss und gewaltiges Durchhaltevermögen. 

3. Mythos: Verzweifelte Verlage suchen über Google-Inseraten nach Autoren.

Nicht alle Verlage sind seriös!

Schreiben Sie? Manuskripte herzlich willkommen!

Wenn man auf Google »Manuskript und Verlag« eingibt, tauchen als erstes prominent platzierte Anzeigen wohlklingender Verlagshäuser auf. Man könnte fast meinen, dass die Verlage vor lauter Langeweile (siehe Mythos Nummer 1) zerplatzen und verzweifelt auf frischen Lesestoff (siehe Mythos Nummer 2) warten.

Verlage suchen keine Manuskripte. Sie werden im Gegenteil davon überschwemmt! Ein Großverlag wie Bastei Lübbe bekommt jedes Jahr 6.000 unverlangt eingesandte Manuskripte! So wie bei Bastei Lübbe schaut es auch in anderen großen und mittleren Verlagen aus. Tritt ein Agent an den Verlag heran, wird eines von fünf Manuskripten ein Buch. Wer also ohne Literaturagent mit diesen Verlagshäusern Kontakt aufnimmt, darf sich also keine großen Hoffnungen machen.

Warum gibt es diesen Mythos? Weshalb kommt bei Google bei der Angabe von “Verlag und Manuskript” eine Liste von Verlagen, die händeringend nach Manuskripten suchen?  Wieso gibt es Unternehmen, die teueres Geld für diese Anzeigen auf Google zahlen?

Es handelt sich hier in der Regel um Pseudoverlage, die nicht an den Büchern, sondern nur am Geld des Autors interessiert sind. Wer sich auf einen Druckkostenzuschussverlag einlässt, entfernt sich vom Traum, eines Tages seinen Roman in der Buchhandlung zu sehen.

4. Mythos: Etablierte Verlage sind an Neuautoren nicht interessiert!

In Wahrheit suchen Verlage nach dem neuen Talent, das sie aufbauen können. Der Mythos, dass Verlage Manuskripte von unbekannten Autoren nicht prüfen, wird vor allem von den Pseudoverlagen forciert, um an das Geld hoffnungsfroher Hobbyautoren zu gelangen.

Wie oben bereits erwähnt, erhält ein Großverlag im Jahr 6.000 unverlangt eingesandte Manuskripte. Damit müsste er pro Monat 500 und pro Tag 16 bis 17 Romane überprüfen. Von diesen 6.000 eingereichten Werken wird jedoch nur eines oder gar keines produziert. 

Selbst wenn der Verlag jeden eingereichten Roman von A-Z (alle Autoren wollen, dass man sein Werk gründlich durchliest) prüfen würde, bräuchte er allein dafür mindestens 20 Vollzeit-Angestellte. Nehmen wir an, der Verlag zahlt dem Lektor ein Gehalt von 2.800 Euro brutto im Monat. Dann müsste er jeden Monat allein dafür inklusive der Lohnnebenkosten 72.000 Euro zahlen. Für eine Entscheidung, welches Buch er aus diesen Stapel machen soll, wäre das viel zu teuer!

Daher werden die 6000 unverlangt eingesandten Manuskripte tatsächlich nicht gelesen, sondern nur angelesen. Meist sieht man bereits auf der ersten Seite, dass ein Autor das Handwerk nicht im Griff hat. Als Beispiel verweise ich auf einen missratenen Romananfang, den ich im Artikel show don’t tell vorstelle.

Darüber hinaus verlangen Verlage ein Exposé, das die Geschichte in zwei bis drei Seiten klar zusammenfasst. Scheitert man daran, dann wird diese eine Seite nicht einmal angeschaut.

Passt hingegen die Qualität der Kurzzusammenfassung und ziehen die ersten Seiten den Leser in die Geschichte, schaut die Sache ganz anders aus. In diesem sehr seltenen Fall wird der Praktikant die Geschichte dem Lektor zeigen und die Dinge können ihren Lauf nehmen. Dann kann es passieren, dass ein Titel eines bisher völlig unbekannten Autors prominent auf dem Verlagsprospekt erscheint.

5. Mythos: Wer ein Buch veröffentlichen will, muss erst mal dafür zahlen.

Autoren müssen NIEMALS einen Cent an den Verlag zahlen.
Autoren müssen NIEMALS für die Veröffentlichung zahlen

Das ist eine Legende, welche die  Pseudoverlage nimmermüde in die Welt setzten. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Wer einmal für eine Veröffentlichung zahlt, wird es viel schwerer haben, seine Bücher in der Buchhandlung unterzubringen.

In Wahrheit kommt das Wort Verlag von “vorlegen”. Das heißt, dass der Verlag alle Kosten inklusive des Vorschusses für den Autor trägt. Wenn der Verlag ein Manuskript zu einem Buch macht, dann trägt er sämtliche Kosten dafür. Niemals zahlt der Autor auch nur einen Cent an den Verlag!

Sobald der Autor zahlt, hat er verloren! Eine andere Masche dieser Pseudoverlage ist es, den Autor per Vertrag zur Abnahme einer bestimmten Anzahl von Büchern zu zwingen. Der Autorenrabatt ist in diesem Fall blanker Hohn. Denn auch das ist nichts anderes als ein Abzocken des Autors.

Eine Liste dieser unseriösen “Verlage” findet man hier

6. Mythos: Auch J. K. Rowling hat für Harry Potter einen Zuschuss gezahlt

Harry Potter hat keine Druckkostenzuschüsse weggezaubert. J. K. Rowling hat sie nie zahlen müssen!
Harry Potter hat keinen Zuschuss weggezaubert

Auch diese Lüge verstreuen immer wieder die Pseudoverlage. Damit will man beim ahnungslosen Hobbyautor die Mythen 4 und 5 verstärken. 

In Wahrheit hat J.K. Rowling keinen Penny für die erste Auflage von Harry Potter und dem Stein der Weisen bezahlt. Der damals kleine Bloomsburry – Verlag  hat das Buch in einer Auflage von 500 Stück gemacht. Auslöser dafür war die Meinung der achtjährigen Tochter der Verlegerin. Ihr hatte das Buch sehr gut gefallen und daher hat sich die Verlegerin entschlossen, das Risiko einzugehen und Harry Potter auf den Markt zu bringen. 

7. Mythos: Verlage erkennen Bestseller sofort.

Harry Potter ist das jüngste Gegenbeispiel. Wären die Verlage dazu in der Lage, wäre dieses Manuskript nicht von einem Duzend großer Verlage abgelehnt worden. J. K. Rowling musste sich anhören, niemand interessiere sich heutzutage für Zauberer und Zauberlehrlinge.

Verlage können Bestseller nicht auf anhieb erkennen.
Ob ein Manuskript zum Bestseller wird, kann ein Verlag nicht sagen!

Aber nicht nur Harry Potter hat dieses Schicksal hinter sich. Sebastian Fitzek musste sich dauernd sagen lassen, ein Psychothriller dürfe nicht in Deutschland spielen. Erich Maria Remarque hörte 120 Mal, dass niemand mehr etwas vom Soldatenleben an der Westfront lesen wolle. Als sich der 121. Verlag drüber traute, avancierte “Im Westen nichts Neues” zum erfolgreichsten Buch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts! Es war schriftstellerisch seiner Zeit weit voraus!

Solche Fehleinschätzungen kommen immer wieder vor. Jedoch handelt es sich bei all diesen Beispielen immer um qualitativ gute Manuskripte. Es zeigt, dass die Verlage ein Risiko eingehen, wenn sie ein Buch veröffentlichen. Kein Verlag ist an einem Verlustgeschäft interessiert und daher agieren vor allem Großverlage extrem vorsichtig.

8. Mythos: Verlage geben bei Absage Textfeedback

Sorry, für Feedback ist der Verlag nicht zuständig.

Ich gebe zu, das habe ich als Anfänger geglaubt, aber es hat nichts mit der Realität zu tun. Für Textkritik haben die Verlage keine Zeit.

Dennoch gibt es eine Grundlage für diesen Mythos. Wenn man knapp scheitert, kann eine knapp formulierte individuelle Absage folgen. Falls vom schönen Schreibstil die Rede ist oder um ein anderes Werk gebeten wird, hat man im Verlag über dieses Manuskript diskutiert und sich dann für eine Ablehnung entschieden.

Wer Pech hat, bekommt man vom Verlag überhaupt keine Antwort. Sollte man Glück haben, bekommt man als Autor eine nichts sagende Standardabsage, die dafür höflich formuliert wird. “Leider passt ihr Manuskritp nicht in unser Programm”, dürfte der häufigste Satz sein, der in Verlagen seit dem 18 Jahrhundert bis heute formuliert worden ist.